Rückblende...
Mac war den ganzen Vormittag an der Küste entlang geradelt. Es war überwiegend sonnig, doch der böige Wind trieb Wolkenfetzen vor sich her. Sie erreichte das Dorf, welches in der Nähe des Hauses lag, in dem sie wohnte. Ihr Magen grummelte und sie war doch ziemlich müde. Das erste, was sie bei ihrer Ankunft gelernt hatte, war, dass man an der Küste immer Gegenwind hatte, völlig egal in welche Richtung man unterwegs war. Irgendwie schien der Wind bei ihren Radtouren immer gegen sie zu drehen, sobald sie die Richtung änderte. < Irgendwie eine traurige Metapher für mein gesamtes Leben. > Sie seufzte und sah sich um. Sie hatte den Ortskern erreicht und überlegte, sich etwas zu essen zu besorgen, weshalb sie anhielt und vom Rad stieg. Nachdem sie ihre rote Windjacke zurecht gezupft hatte, schob sie ihr Rad den Weg entlang.
„Hallo, Ms. MacKenzie!“
„Mr. Teabing, wie geht es Ihnen?“ Sie hielt an und sah über den Gartenzaun.
Mr. Teabing stand im Garten vor seinem etwas windschiefen Häuschen und winkte ihr, zu ihm zu kommen. „Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen.“
Mac zögerte einen Moment, beschloss aber, dem netten älteren Herrn den Gefallen zu tun. Außerdem war es ja nicht so, als hätte sie gerade etwas Besseres zu tun. Und die Nahrungsaufnahme konnte schließlich noch warten. Sie lehnte also ihr Rad an den Zaun und ging durch die niedrige Gartenpforte in den Vorgarten.
„Kommen Sie, kommen Sie.“
Mac fand den Enthusiasmus von Mr. Teabing ansteckend und folgte ihm in den hinteren Teil des Gartens.
Mr. Seamus Teabing war ein englischer Seebär im Ruhestand, den es nach der Wende hierher verschlagen hatte. Sein Rücken plagte ihn und seine Knie versahen ihren Dienst als zuverlässiges Barometer. Er hatte einen peinlich gepflegten weißen Vollbart und kleine, dunkel funkelnde listige Augen in einem rosigen Gesicht.
Am Tage ihrer Ankunft hatte Mr. Teabing sie mit dem Hinweis begrüßt, dass er hin und wieder im Haus der Grahams nach dem Rechten sehe. Seitdem stattete er ihr fast täglich einen Besuch ab. Manchmal brachte er ihr Gemüse aus dem Garten oder Kuchen, den seine Nachbarin gebacken hatte. Manchmal begleitete er sie auf ihren Spaziergängen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass Julie den alten Seebären auf sie angesetzt hatte. Immerhin sprach er ihre Sprache und er war Seemann... Ha, ha. Das klang genau nach Julies Art von Humor.
„Was gibt es denn so ungeheuer Aufregendes, Mr. Teabing?“ rief Mac, als sie den hinteren Teil des Gartens betrat.
Mr. Teabing stand vor etwas, das aussah wie eine Art Schrank aus Metall, aus dessen vorderer Öffnung es gewaltig qualmte, als der alte Kapitän eine ca. einen Meter lange Metallstange herauszog, an der 6 ganze ausgenommene Fische baumelten... – und... zwei Schlangen?
„Die sind wirklich gut geworden,“ rief Teabing erfreut aus, als er die Fische von der Stange nahm und auf ein großes Holzbrett legte, welches auf dem Gartentisch lag.
Mac beäugte die Objekte seiner Freude etwas skeptisch und Teabing sah sie amüsiert an. Er nahm eine dieser Schlangen, schnitt sie in mehrere Teile und legte einen davon auf einen Teller, um ihn Mac geben.
Mac überlegte fieberhaft nach einer Möglichkeit, das Angebot abzulehnen. Irgendwie hatte sie etwas anderes im Sinn gehabt, als sie noch vor einigen Minuten überlegte, sich etwas zu essen zu besorgen.
„Nehmen Sie schon, meine Liebe. Der beißt nicht. Naja, jedenfalls nicht mehr.“ Mr. Teabing überlegte, weshalb die junge Frau so einen geschockten Gesichtsausdruck hatte. „Haben Sie denn noch nie geräucherten Aal gegessen? Das ist eine Delikatesse hier oben. Na los, probieren Sie.“ Mit diesen Worten drückte er Mac den Teller in die Hand und machte sich daran, sich selbst eine Portion auf einen Teller zu laden.
Mac starrte unschlüssig auf ihren Teller.
„Oh Lord, das ist mal wieder typisch für Euch Yanks. Keine Ahnung von gutem Essen. Es muss doch geräucherten Fisch bei Euch in den Kolonien geben, oder?“
„Ja, natürlich gibt es geräucherten Fisch.“ In dem Moment, in dem sie Worte ausgesprochen hatte, dämmerte es ihr und ihre Gesichtsfarbe färbte sich Rot.
„Oh, ich verstehe,“ grinste der alte Seemann wissend. „Sie haben das wohl für etwas anderes gehalten, hmm? Naja, der bessere Teil der Tapferkeit ist die Vorsicht, nicht wahr?“ Doch bevor Mac ein Wort herausbrachte, begann Mr. Teabing ihr aufgeregt über die Kunst des Räucherns zu erzählen.
Mac stöhnte innerlich. < Gaanz toll! Jetzt hält er mich endgültig für gestört. > Etwas geistesabwesend nahm sie einen Bissen von dem seltsamen Fisch. < Ich finde immer noch, dass er aussieht wie eine Schlange... Hmm, eigentlich gar nicht so übel... >
Ende Rückblende....
„Und da dachte ich, dass Ihr toughen Soldaten beim Überlebenstraining noch viel Schlimmeres essen müsst.“ Julie konnte sich kaum noch beherrschen.
„Nah,“ warf Anna ein. „Die haben doch immer ausreichend Rationen dabei. Denn wie man sieht, würden sie sonst verhungern.“
„Wenn Ihr meint,“ schnaubte Mac nun doch etwas beleidigt. „Ich verstehe nicht, weshalb Ihr wegen allem so zynisch sein müsst.“
„Also das trifft mich jetzt aber schwer,“ beklagte sich Julie. „Erstens sind wir keineswegs wegen allem und immer zynisch. Und selbst wenn, so sind Zyniker einfach nur Menschen, die die Dinge sehen, wie sie sind und nicht so, wie sie sein sollten.“
„Nehmen Sie es nicht so schwer, Mac. Jeder hat beim Essen so seine Vorlieben und Abneigungen,“ sagte Trish. „Wo waren Sie eigentlich im Urlaub?“
„In Deutschland. Es war wirklich toll. Zumal ich wirklich eine Pause von Washington brauchte.“
„Was haben Sie sich denn alles angesehen?“ fragte Frank interessiert.
„Zu Beginn war ich für einige Zeit an der Ostsee auf der Insel Usedom. Julies Eltern haben dort ein Ferienhaus und haben mich netterweise dort wohnen lassen. Es ist ein wirklich gemütliches kleines Fachwerkhaus mit Reetdach und man hat vom oberen Stockwerk einen wunderbaren Blick auf eine Bucht.“
„Das klingt wirklich traumhaft,“ sagte Trish.
„Ja, das war es auch. Ich bin viel am Strand gelaufen und habe Fahrradtouren gemacht, um mir die Gegend anzuschauen. Es war unheimlich erholsam. Und es war gar nicht so kalt und windig wie ich zunächst befürchtet hatte.“
„Das Wetter dort oben ist ziemlich unberechenbar. Da ist es sinnvoll, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein,“ zuckte Julie mit den Schultern.
„Ich bin im Rahmen meiner Dienstreisen zwar schon häufig in Deutschland gewesen, aber leider war ich immer in Eile. An der Ostsee bin ich bisher leider nie gewesen,“ bemerkte Frank.
„Sie sollten sich unbedingt mal Zeit nehmen, sich die Gegend anzusehen,“ empfahl Anna. „Sie könnten sich einen Wagen mieten und an der Ostseeküste von Lübeck aus nach Osten fahren. Es gibt sowohl landschaftlich als auch kulturell wirklich viel zu sehen.“
„Und wenn Sie nach Usedom kommen sollten, dann wird es mir eine Freude sein, Ihnen unser Ferienhaus zur Verfügung zu stellen.“
„Vielen Dank, Julie. Ich werde sicher gegebenenfalls auf Ihr Angebot zurückkommen,“ bedankte sich Frank mit einem Lächeln.
„Oh, und ich habe auf Usedom einen unheimlich netten englischen Seemann kennengelernt, der dafür gesorgt hat, dass ich nicht verloren gehe.“ Dabei sah Mac Julie mit hochgezogener Augenbraue an, doch die tat so, als hätte sie den inquisitorischen Blick ihrer Freundin nicht bemerkt.
„Hast Du Dir sonst noch etwas angesehen?“ fragte Harm, der bisher auffallend schweigsam gewesen war. „Ich habe von Deutschland bisher nur Militärflughäfen und -krankenhäuser gesehen.“
„Ja, ich war in der Nähe von Frankfurt und habe Annas Mutter besucht,“ antwortete Mac mit einem schrägen Lächeln. „Ich hätte nie gedacht, dass Gartenarbeit so erholsam sein kann.“
Trish war etwas verwirrt. „Gartenarbeit?“
„Nun ja, wie Anna bereits erwähnt hat, hat ihre Mutter einen großen Garten. Sie öffnet ihn sogar während ein paar Tagen im Sommer für Besucher,“ erklärte Mac. „Und als ich sie besuchte, war eine Menge zu tun.“
„Meine Mutter hat die Erfahrung gemacht, dass Gartenarbeit eine gute Methode ist, einen klaren Kopf zu bekommen.“ Mit einem Grinsen fügte Anna hinzu: „Außerdem fand ich es eine niedliche Idee, mir einen Marine Colonel beim Gärtnern vorzustellen.“
Diese Bemerkung brachte ihr einen frustrierten Blick der Betroffenen und allgemeines Gelächter bei den übrigen ein.
„Hey, ich muss hier doch mal darauf hinweisen, dass Mrs. Lorenzen zufrieden mit meiner Arbeit war. Immerhin habe ich ein ganzes Staudenbeet angelegt,“ verteidigte sich Mac. „Im Übrigen würde ich schon gern später mal ein Haus mit Garten haben. Ich weiß nicht, aber Mrs. Lorenzen hat schon Recht, wenn sie sagt, dass die Arbeit etwas Meditatives hat.“
„Und nicht zu vergessen: Ein Tag Schuften im Garten und man hat definitiv keine Probleme mit dem Einschlafen. Einziger Nachteil: Am nächsten Tag spürt man jeden Knochen im Körper einzeln – auch die, von denen man zuvor nicht wusste, dass man sie hat,“ ergänzte Anna schmunzelnd.
„Haben Sie sich schon vorher mit Pflanzen und Gartengestaltung beschäftigt? Also ich finde es jedenfalls auch entspannend, wenn ich mal die Zeit finde, mich selbst um unseren Garten und die Pflanzen auf der Terrasse zu kümmern.“ Trish sah Mac erwartungsvoll an.
„Nein, leider hatte ich nie einen Garten...“ Julie wusste, dass es Mac unangenehm war, mit im Grunde wildfremden Menschen über ihre familiären Verhältnisse sprechen zu müssen und wollte gerade eingreifen, als Anna ihr aus den gleichen Gründen zuvor kam.
„Meine Mutter hat mir anlässlich unseres letzten Telefonates berichtet, dass viele der Besucher von dem Teil des englischen Gartens, den Mac angelegt hat, wirklich begeistert waren. Ich selbst habe zwar bisher nur Fotos gesehen, aber das hätte ein Profi auch nicht besser hinbekommen.“ Und mit einem Grinsen fügte sie hinzu. „Sollte Mac mal einen neuen Job brauchen, so würde meine Mutter wohl keine Sekunde zögern, sie als Gärtnerin einzustellen.“ Sie wandte sich direkt an Mac: „Und ich soll Dich daran erinnern, nächstes Jahr vorbeizukommen, damit Du Deine Arbeit in voller Schönheit bewundern kannst.“
Rückblende....
„Aber ich weiß doch gar nicht, wie man einen Garten anlegt!“ protestierte Mac und wischte sich ein paar Schweißperlen aus dem Gesicht.
Sie kniete neben einer kleinen asiatischen Frau mittleren Alters vor einer Rabatte. Beide pflanzten schon seit Stunden unzählige einjährige Sommerblumen in die entsprechenden Beete.
Mrs. Madeleine Lorenzen nahm eine weitere Pflanze aus dem großen Korb, der neben ihr stand, und fuhr fort, diese einzupflanzen. „Wieso, Du hast doch gesagt, dass Dir die englischen Gärten so gut gefallen, die Du in den Bildbänden gesehen hast. Also wäre es doch an der Zeit, dass Du es selbst ausprobierst. Ich gebe Dir ein Zimmer.“
„Ein Zimmer?“
Madeleine sah nun auf und sagte mit einer ausholenden Handbewegung: „Die gesamte Gartenfläche hier ist gewissermaßen eine Wohnung, in der es viele Zimmer gibt. Sie sind alle unterschiedlich eingerichtet, so dass sich ständig neue Ansichten und Perspektiven ergeben.“ Sie lächelte. „Ich gebe Dir ein Zimmer, das Du so einrichten kannst, wie es Dir gefällt.“
„Ich habe das aber noch nie gemacht.“
„Es ist ganz einfach. Vertraue Deiner Intuition.“ Mrs. Lorenzen hatte die letzte Pflanze für dieses Beet eingesetzt. Sie stand auf und klopfte sich mit den Händen den Schmutz von der Hose.
Mac stand ebenfalls auf und nahm den nun leeren Korb. „Intuition?“ Sie schnaubte in einer äußerst unfemininen Art und Weise. „Meine Intuition versagt immer, wenn es darauf ankommt.“
„Wir reden jetzt aber nicht mehr von Gartengestaltung, oder?“ fragte Annas Mutter mit einem wissenden Lächeln.
Mac sah zu Boden und sagte: „Nein, nur über mein chaotisches Leben.“
Madeleine hakte sich bei Mac ein und sagte: „Na, dann würde ich vorschlagen, dass wir zurück ins Haus gehen, den Zentner Erde abwaschen, der da an uns haftet und dann kannst Du mir bei einer Tasse Tee von Deinem chaotischen Leben erzählen, wenn Du möchtest.“
Eine Weile später saß Mac an dem großen Holztisch in der Küche und umklammerte krampfhaft ihre Teetasse.
Madeleine stellte eine Schale mit Teegebäck auf den Tisch und setzte sich ebenfalls. „Wenn Du noch etwas fester drückst, wird die Tasse zerbrechen,“ bemerkte sie schmunzelnd.
„Was? Oh, Entschuldigung!“ Mac lehnte sich mit einem Seufzen in ihrem Stuhl zurück. Schließlich sagte sie: „Was hat Anna Dir erzählt?“
Madeleine lächelte. „Sie hat lediglich gesagt, dass eine gute Freundin von ihr gerade eine harte Zeit durchmacht und dringend eine Auszeit braucht. Sie hat sehr wage angedeutet, dass es unter anderem gesundheitliche Gründe hat.“ Sie legte den Kopf schief und hielt einen Moment inne.
< Jetzt weiß ich, woher Anna das hat, > dachte sich Mac.
„Meiner Meinung nach ist es ein Mann,“ sagte Madeleine schließlich.
„Wie kommst Du darauf?“ fragte Mac mit einem schrägen Lächeln.
„Mal ehrlich, alle großen Probleme haben doch irgendwie mit Männern zu tun, oder?“
Das entlockte Mac dann doch ein Lachen. „Ja, das stimmt wohl.“ Sie atmete durch und begann ihr von den Ereignissen der letzten Zeit zu erzählen.
Ende Rückblende....

„Meinen Sie, dass ich die Fotos mal sehen könnte, Anna?“ fragte Trish begeistert.
„Sicher. Ich kann Ihnen gerne morgen ein paar Bilder per E-Mail schicken. Aber damit wir uns verstehen: Wenn jemand Mac einstellt, dann sind wir es.“ Anna setzte ihren strengsten Blick auf, konnte sich aber das Lachen kaum verkneifen.
Trish lachte und auch Frank schien überaus amüsiert.
„So wie es aussieht, wirst Du Mac ohnehin kaum in den Staaten halten können.“ Harms Tonfall war verdächtig neutral.
Während seine Eltern ob dieses Kommentars etwas verwirrt waren, runzelten Julie und Anna die Stirn. < Oh, oh... Das ist gar nicht gut. >
„Ich habe bisher nicht vor auszuwandern, Harm,“ sagte Mac erstaunt.
„Wieso eigentlich nicht? Wie ich höre, kannst Du in Europa einen guten Job bekommen. Mit den europäischen Polizisten scheinst Du auch hervorragend auszukommen. Was hält Dich noch hier?“
Mac war für einen Moment sprachlos und den anderen am Tisch erging es da auch nicht besser.
„Harm! Was ist bloß in Dich gefahren?“ Trish war entsetzt.
Mac hob die Hand und sagte: „Danke, Mrs. Burnett, aber das ist eine Sache, die Harm und ich unter uns ausmachen müssen.“ An Harm gewandt fuhr sie fort: „Weißt Du was, Harm? Vielleicht hast Du Recht. Wenn ich Washington verlasse, dann muss ich mich wenigstens nicht mehr damit auseinandersetzen, dass Du an einem Tag der beste Freund der Welt bist und mich am nächsten Tag für die Alicia des Tages versetzt.“
Während Frank offensichtlich ratlos, ob der Situation war, überlegte Julie fieberhaft, wie man die beiden verhinderten Liebenden besänftigen könnte.
Anna legte ihre Hand auf Macs Arm, um sie zu beruhigen, aber sie zog ihren Arm wütend beiseite und sah sie mit einem „damit-werd-ich-schon-selber-fertig“-Blick an. „Mac...,“ weiter kam Anna nicht, da Harm aufgebracht erwiderte: „Es ist jetzt also gänzlich meine Schuld? Ist es wirklich meine Schuld, dass Du alle wegstößt, die Dir nahe kommen? Du hast Dir außerdem nicht gerade ein Bein ausgerissen, um zu erfahren, was denn tatsächlich passiert ist.“
Trish warf Julie einen Blick zu, der eine Mischung aus Verwirrung und Besorgnis zeigte, doch Julie schüttelte nur leicht den Kopf, um zu signalisieren, dass es eine sehr schlechte Idee wäre, sich zwischen die Fronten zu begeben.
„Ach, und Du meinst, wenn es nicht Deine Schuld ist, bin ICH allein Schuld an allem?“ Mac stand auf und sah Harm verletzt an. „Vielleicht habe ich mir nur eine Seite aus dem Buch des großen Harmon Rabb Jr. geliehen, der ja immer alles besser weiß, auch wenn er sich dafür die Fakten zurecht biegen muss. Merkst Du eigentlich, wie wir uns gegenseitig zerstören?“ Ihr Gesichtsausdruck spiegelte ihre Enttäuschung wider.
Anna und Julie versuchten Mac zu beruhigen, aber sie hatte sich so in Rage geredet; alles, was in der letzten Zeit zwischen ihnen passiert war, kam wieder hoch. Sie dachte, sie wäre mit sich so im Reinen, dass sie in ihrer „Beziehung“ zu Harm nichts mehr erschüttern könnte. Aber sie musste sich heute doch eingestehen, dass dem wohl nicht so war.
Frank und Trish sahen sich nur verwundert an und konnten sich keinen Reim auf den Ausbruch von Harm und Mac machen. Trish sah die aussichtslosen Bemühungen von Anna und Julie und machte sich eine mentale Notiz, dass sie die beiden oder eine von beiden später nach dem Grund des Streites fragen würde.
„Wir waren die besten Freunde. Wir konnten über alles reden, wir haben uns gegenseitig zugehört, wir waren füreinander da. Was ist nur mit uns passiert? Ich habe Dir vertraut, aber das Vertrauen ist nicht mehr da.“ Sie machte eine ausladende Handbewegung. „Es tut jedes Mal mehr weh. Ich kann das nicht mehr und ich will auch nicht mehr.“ Sie sah Harm direkt ins Gesicht. „Es ist aus, Harm, verstehst Du, endgültig!“
Mac floh von der Terrasse und verschwand auf dem Weg, der von der Terrasse der Burnetts die Klippe hinunter führte. Auf ihrem Weg wischte sie sich eine vereinzelte Träne aus den Augen.
Harm sprang auf und wollte ihr folgen, doch Julie war ebenfalls aufgestanden und hatte seinen Unterarm in einem ehernen Griff. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich gehe ihr nach,“ sagte Anna.
„Ähm, Anna...“
Anna folgte Julies Blick hin zu ihren eigenen Füßen. < Verdammt. > Mit den Schuhen würde sie sich auf dem Weg den Hals brechen.
„O.k. Julie, Du gehst ihr nach.“
„Ich komme auch mit,“ sagte Frank und wandte sich in Richtung Terrassentür. „Es ist fast dunkel. Ich gehe schnell eine Taschenlampe holen.“
„Das ist eine gute Idee,“ stimmte Anna zu.
Nachdem Frank mit einer Taschenlampe ausgestattet wieder auf die Terrasse trat, waren er und Julie auch schon auf dem Weg den Abhang hinunter.
„Würde mir bitte mal jemand erklären, was hier los ist?“ Trish sah von Anna zu ihrem Sohn.
„Es tut mir leid, Mom. Ich brauche einen Moment. Ich bin in meinem alten Zimmer,“ sagte Harm. „Aber ich bin sicher, dass Anna Dich gerne ins Bild setzen wird.“ Mit diesen Worten verschwand er ins Haus.
„Ich glaub's einfach nicht! Jetzt lässt er mich hier einfach stehen.“ Trish wurde zusehend ärgerlicher.
Sneaker hatte sich neben sein Frauchen gesetzt und schien besorgt zu sein. Anna streichelte ihm über den Kopf.
Trish öffnete die Tür ins Haus und sagte: „Lassen Sie uns hinein gehen. Ich mache uns einen Tee, während wir warten.“
Wenig später standen Trish und Anna in der Küche. „Nun gut. Anna, scheinbar sind Sie in der Lage, mir zu erklären, was hier gerade passiert ist.“
„Ich möchte gern warten, bis Julie zurück ist. Es ist wirklich einfacher, die Geschichte zu zweit zu erzählen. Obwohl ich ja sagen muss, dass es mir am liebsten wäre, wenn die beiden Betroffenen Ihnen selbst erzählen würden, was passiert ist.“
Trish schnaubte nur. „So wie ich meinen Sohn kenne, müsste ich ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.“
„Nun gut,“ seufzte Anna. „Fürs erste soviel: In den letzten paar Monaten ist so einiges schief gelaufen zwischen den beiden.“ < Die Untertreibung des Jahres... > Sie runzelte die Stirn. „Naja, wenn ich es mir genau überlege, ist schon zuvor einiges falsch gelaufen. - In der letzten Zeit hat sich so manches ereignet, was in Kombination mit den „Sünden“ der Vergangenheit dazu geführt hat, dass die beiden kaum noch unbeaufsichtigt in einem Raum sein können, ohne sich an die Kehle zu springen. Mac hat sich über das vergangene Jahr hinweg so manches geleistet, was wir teilweise überhaupt nicht nachvollziehen können. Und Harm hat in der jüngeren Vergangenheit nach allen Regeln der Kunst Mist gebaut. Würzt man das dann mit dem scheinbar grundsätzlichen Unvermögen der beiden, miteinander zu kommunizieren, so resultiert das, wie heute Abend geschehen – in einer Katastrophe.“
Trish sah Anna an und sagte: „Man merkt, dass Sie Anwältin sind, meine Liebe. Sie haben jetzt eine Menge geredet, ohne viel zu sagen.“
„Ihnen entgeht wohl nichts, hm?“ Auf Trishs Kopfschütteln hin fuhr sie lächelnd fort: „Meiner Mutter kann ich auch nichts vormachen.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Ich möchte wirklich lieber warten, bis Julie und Mac wieder zurück sind.“ In diesem Moment klingelte ihr Mobiltelefon.
„Entschuldigen Sie bitte einen Moment,“ sagte sie an Trish gewandt, bevor sie den Anruf entgegen nahm.
„Hi Julie! Habt Ihr sie gefunden?“
„***“
Annas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Oh. O.k. Kann sie gehen?“
„***“
„Gut. Wie lange werdet Ihr etwa brauchen?“
„***“
„Wir warten auf Euch.“
„***“
„Das sehe ich auch so. Bis gleich.“
Sie klappte ihr Telefon mit einem Stoßseufzer zu und sah Trish an: „Mrs. Burnett, ich brauche Ihre Hilfe.“
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Der Krankenhausflur war um diese Uhrzeit wie ausgestorben und die Neonröhren in der Decke verbreiteten ein fahles Licht. Eine der Röhren war wohl kurz davor, den Geist aufzugeben und flackerte, begleitet von einem rhythmischen Brummen.
Julie, Trish und Anna saßen angespannt auf unbequemen Plastikstühlen, die für wartende Angehörige aufgestellt worden waren. Sneaker saß zu Annas Füßen, die ihm geistesabwesend den Kopf kraulte. Er trug das Leibchen, welches ihn als Rettungshund auswies. Trotzdem hatte sich Anna mit dem Krankenhauspersonal einen ziemlichen Kampf geliefert, bevor diese schließlich nachgaben und ihr erlaubten, Sneaker mit in die Wartezone zu nehmen. < Dumme Schnepfe >, dachte sie. < Ich lasse meinen Hund doch nicht für Stunden im Auto. >
Etwa 30 Minuten zuvor waren sie mit Mac eingetroffen. Nun starrten sie alle auf die Tür, hinter der die Ärztin mit ihr verschwunden war. Julie und Anna hatten sich um die Formalitäten gekümmert und nun hieß es warten.
Anna hatte bei ihrer Ankunft noch gequalmt vor Ärger, doch jetzt rieb sie sich nur müde die Augen und auch bei den beiden anderen war die zunehmende Müdigkeit sichtbar. Sie richtete sich im Stuhl auf. „Julie, da wir, so wie es aussieht, eine ganze Weile warten müssen, wäre jetzt ein ganz guter Zeitpunkt zu erzählen, was überhaupt passiert ist.“
Julie streckte ihre Beine aus. „Eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen. Frank und ich haben Mac am Strand gefunden. Sie ist ein ganzes Stück weit gerannt. Sie hat im Sand gekauert und geweint. Und die ganze physische und psychische Anstrengung hat wohl die Krämpfe ausgelöst...“
„Oh, Mann. Es kommt aber auch alles zusammen.“ Anna schüttelte den Kopf.
Trish war, seit sie im Krankenhaus angekommen waren, auffällig ruhig gewesen.