Jenseits aller Zweifel
von Caitlin
Erschöpft ließ streifte sich Cmdr. Harmon Rabb die Jacke von den Schultern, schmiss diese achtlos über einen Stuhl und ließ sich dann stöhnend auf die Couch fallen. Eigentlich hatte er schon vor Stunden zuhause sein wollen, aber Admiral Chegwidden hatte ihm da einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht.
Der Bericht den er eigentlich erst nächste Woche abgeben musste, wollte der Admiral bereits morgen früh um 800 auf seinem Schreibtisch liegen haben. Das bedeutete kein Feierabend für ihn, stattdessen lästige Schreibarbeiten.
Sogar seine Partnerin Col. Sarah MacKenzie war vor ihm aus dem Büro gegangen. Er konnte sich nicht erinnern, ob dies überhaupt schon einmal geschehen war. Ein Lächeln erschien in seinem Gesicht, als er an Mac´s verwunderten Gesichtsausdruck dachte.
"Hey Sailor, Du so spät noch hier?" hatte sie ihn grinsend gefragt und sich dann am Türrahmen angelehnt. Er hatte ihre Frage nur mit einem spöttischen Lächeln quittiert und dann auf die Hensons-Akte gezeigt.
"Gibt es im Hensons Fall ein Problem? Ich habe gedacht es wäre bereits alles geklärt?" erstaunt war sie näher getreten
"Ja, es ist auch eigentlich alles geklärt, ich muss nur noch meinen Bericht fertig schreiben und das, " er lehnte sich resignierend in seinem Stuhl zurück, " wollte ich eigentlich erst am Wochenende in Ruhe machen."
Mac schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, das ihm eine Spur zu schadenfroh war. "Der Admiral will den Bericht früher?" Sie hatte es als Frage formuliert, aber es war mehr eine Feststellung.
" Japp, morgen früh um 800."
"Na dann wünsch ich dir noch viel Spaß Sailor!" meinte sie ernst und schenkte ihm diesmal ein Lächeln das einen Momentlang so aussah, als habe sie mitleid mit ihm. Aber wenn er jetzt noch einmal drüber nachdachte, war er sich sicher, sich getäuscht zu haben. Mac war zur Zeit die letzte Person die mit ihm Mitleid hatte. Er war schon verwunderlich genug, dass sie noch in sein Büro gekommen war. Seit Wochen schon lag eine unerträgliche Spannung zwischen ihnen. Es schien beinahe so als könne man diese Spannung greifen. Harm hatte sich schon viele Stunden den Kopf darüber zerbrochen, wie es so weit kommen konnte.
Seit Wochen war keiner von beiden in der Lage sich freundschaftlich mit dem anderen auseinander zu setzen und die ständigen Streiterein zermürbten nicht nur ihn sondern auch die Kollegen. Und das schrecklichste dabei war, es wurde von Tag zu Tag schlimmer.
Vielleicht sollte er den ersten Schritt tun und versuchen sich mit Mac auszusprechen. Vielleicht! Irgendjemand muss es doch, sagte er laut zu sich selbst und erhob sich schwermütig von der Couch. Wenn nicht ich, dann wird es keiner tun. Er kannte Mac schon seit acht Jahren und er wußte genau wie Stur sie sein konnte. Harm seufzte laut und griff im nächsten Moment zum Telefon. Doch bevor er wählen konnte klingelte das Telefon in seiner Hand.
"Rabb!" am anderen Ende der Leitung erklang die Stimme des Admirals und sofern Harm meinte, klang diese nicht erfreut. `Was habe ich nun schon wieder falsch gemacht ging Harm als erstes durch den Kopf, aber ihm wollte nichts einfallen, was er sich zu Lasten hätte kommen lassen.
"Rabb, ich will sie und den Col. in einer Stunden im Hauptquartier sehen."
"Worum geht´s?"
"Das werde ich ihnen beiden dann mitteilen. Sorgen sie nur dafür das sie beide pünktlich hier sind..."
"Aye, aye Sir" gab Harm mit fester Stimme von sich und wollte auflegen, als ihn der Admiral noch zurückhielt.
"Ach und Cmdr, packen sie ein paar Sachen zusammen und holen sie den Col ab. Ich kann sie nicht erreichen. Bis dann." Das tuten in der Leitung sagte ihm das der Admiral aufgelegt hatte.
Harm legte das Telefon zurück auf die Anrichte und machte sich auf den Weg in sein Schlafzimmer. Während er ein paar Sachen zusammenpackte, grübelte er über den Grund des späten Treffens nach und was ihm noch seltsamer erschien, war die Tatsache das Mac nicht erreichbar war.
Innerhalb von wenigen Minuten hatte er seine Sachen gepackt, seine Uniformjacke wieder angezogen und war auf den Weg zu seinem Auto. Warum ausgerechnet heute, wo er sich nichts sehnlicher wünschte als in seinem Bett zu liegen?
Er stieg in seinen Wagen und fuhr in Richtung Georgetown, zu Macs Apartment. Nebenbei versuchte er immer wieder Mac anzurufen, aber sie ging weder zu hause noch an ihr Handy ran. Wo steckst du Mac? fragte er sich immer und immer wieder.
Als er ihr Haus erreichte sah er bereits ihre SUV vor dem Haus stehen und auch in ihrem Apartment brannte ein deutlich Licht! So langsam begann Harm sich Sorgen zu machen, ihr war doch nichts passiert, oder?
Mit großen Schritte nach Harm die Treppe zu Macs Apartment und blieb wie angewurzelt vor der offenen Tür stehen. Okay, jetzt mache ich mir Sorgen, sagte er leise. Vorsichtig schob er die Tür ein Stück weiter auf, aber er konnte sie nicht sehen also trat er leise ein. In der Wohnung herrschte totenstille und Harm lief ein Schauer über den Rücken. Er entschied sich nach ihr zu Rufen, bekam aber keine Antwort. Hier stimmt doch etwas nicht. Wo war Jingo und zum Teufels wo steckte Mac. Er rief wieder ihrem Namen, diesmal lauter: "Maaac!" Aber wieder keine Antwort.
Harm betrat die Wohnung, Im Wohnzimmer war definiert keiner und auch in der restlichen Wohnung konnte er weder Mac noch Jingo finden.
Panik erfasste ihn und zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er wieder Angst. Sein Herz begann zu rasen und er fuhr sich verzweifelt mit den Händen durchs Haar. Was sollte er jetzt tun?
Ja, der Admiral. Schnell versuchte er sein Handy aus der Jackentasche zu nestelt. Aber er musste erschreckt feststellen das seine Hände zitterten. Bleib ruhig, alter Junge, ermahnte er sich selbst und schaffte es endlich das Handy aus der Tasche zu ziehen.
Gerade als er die Nummer des Admirals wählen wollte ertönte hinter ihm ein lautes Bellen. JINGO! Wenn Jingo wieder da war, dann vielleicht auch... Hastig drehte sich Harm zur Tür und dort stand eine völlig unversehrte, zwar verwunderte aber dennoch unversehrte Mac in der Tür. Es war ein Impuls von ihm zu ihr zu laufen und sie in seine Arme zu reißen. Die Erleichterung die er verspürte sie unverletzt zu sehen war überwältigend. So war es schon immer gewesen.
"Mac, gott sei dank!" flüsterte er leise und atmete erleichtert aus. "Du hast mich vielleicht, ..." er kam nicht weiter. Mac löste sich aus seiner Umarmung und schob ihn ein kleines Stück zurück. Aus großen braunen Augen sah sie ihn an und fragte schließlich ungehalten:
"Harm, was zum Henker tust du hier und wie bist du hier herein gekommen?" Sie stand nun mit beiden Händen in die Hüften gestemmt vor ihm und wartete auf seine Antwort.
Erst langsam realisierte Harm, dass es nie eine Gefahr gegeben hatte, Macs Verhalten machte ihm dies überdeutlich. Er hatte schlicht und einfach überreagiert und dabei völlig vergessen, dass Mac durchaus in der Lage war auf sich selbst aufzupassen.
"Harm, ich warte auf eine Antwort!" Sie lief in großen energischen Schritten um ihn herum. Harm musste sich umdrehen, damit er sie ansehen konnte.
Ich muss für einen Moment in Panik geraten sein. Ich habe auf der ganzen Fahrt versucht Dich zu erreichen und dann, " er unterbrach sich kurz um auf die noch immer offene Tür zu deuten " und dann komme ich hier an dein Auto steht vor der Tür, es brennt Licht in deiner Wohnung und die Tür stand offen. Was glaubst du wohl was ich da durchleben musste?" Harm eiste sich langsam los und schloß die Tür. Mac stand noch immer vor der Couch und sah ihn zweifelnd an. Wahrscheinlich prüfte sie die Wahrscheinlichkeit, dass die Tür wirklich offen stand. "Okay, das erklärt wie du hier herein gekommen bist, sowohl ich mir nicht vorstellen kann warum meine Tür offen gestanden haben soll. Aber ich weiß noch immer nicht WARUM du hier bist? Es ist 22:34, also was willst du?" Harm kam für einen Moment nicht darum herum sie wie immer dafür zu bewundern die richtige Zeit zu kennen ohne auf eine Uhr gesehen zu haben. Doch nur für einen Moment, dann besann er sich wieder und legte eine ernste Miene auf.
Mac", er strafte sie mit einen möglichst finsteren Blick ehe er fort fuhr, " du musst selbst zu geben das es schon ein bisschen beängstigend ist eine offene Tür vorzufinden und niemanden in der Wohnung. Dir hätte doch sonst was passiert sein können!"
"Harm, was hätte mir passieren sollen?" auch sie setzte eine ernste Miene auf und strafte ihn mit einem noch finstereren Blick. " Ich bin ein Marine!"
"Okay, ich weiß das, aber ich habe mir halt trotzdem Sorgen gemacht, schließlich bist DU..."
"Cdmr. das ist lächerlich und nun sag mir warum du hier bist! Sofort!" sie klang wirklich böse.
"Okay, Okay. Der Admiral will uns um 2300 im Hauptquartier sehen, das ist in..." er machte sich nicht die Mühe auf die Uhr zu sehen, sondern wartete auf die genaue Zeitansage seiner Kollegin.
"In 25 Minuten und 48 Sekunden!"
"Genau, also können wir? Ich nehme an deine Tasche befindet sich gepackt in deinem Auto?"
Auch hier zweifelte er nicht an seiner Partnerin, er wußte genau das es so war und deswegen machte er sich gleich auf den Weg zur Tür.
"wird es länger dauern?"
"Ich weiß es nicht! Wieso?" fragte er.
"Na wegen Jingo!"
"Ach ja", Harm überlegte einen Moment, "nimm ihm mit, der Admiral wird sich halt um ihn kümmern müssen. Wenn er uns schon so plötzlich sehen will."
Mac zögerte, aber sie hatte keine Wahl. Also machten sich die drei in der nächsten Minute auf den Weg in Hauptquartier.
Harm lenkte seinen Wagen mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz des JAG-Hauptquartiers. "Das war eine Rekordzeit!" vermeldete er stolz und sprang aus dem Wagen.
"Ja, und ich bin in Rekordzeit um mindestens drei Jahre gealtert", resignierte Mac, "für meinen Geschmack waren da zwei oder drei Rote Ampeln definitiv zu viel für mich."
"Ach komm Mac, es ist doch nichts passiert außer das wir mal pünktlich erscheinen." Noch im selben Moment bekam er für seinen Kommentar einen schmerzhaften Rippenstoß.
"Zu deiner Info Sailor: Ich bin verdammt noch mal immer pünktlich. Der einzige der ständig zu spät kommt bist doch du."
Entschuldigend warf Harm die Hände in die Luft und grinste seine Partnerin schief an. "Okay Ninjagirl, ich korrigiere mich. Endlich bin ICH mal pünktlich! Zufrieden?" Mac nickte nur und im nächsten Moment betraten die Beiden und Jingo das Bullpen.
Admiral Chegwidden erwartete sie bereits ungeduldig.
"Na endlich, warum..." der Admiral stockte als ihn Jingo freudig ansprang. "Sie haben ihren Hund mitgebracht Col.?"
"Ja Sir, sie haben uns ziemlich kurzfristig hierher beordert und da wußte ich nicht wohin mit Jingo." erklärte Mac händeringend.
"Ja und was soll der Hund dann hier?"
"Ehm Sir, der Cdmr. dachte das vielleicht sie..." Der Admiral warf Harm einen prüfenden Blick zu und Harm starrte mit aufgerissenen Augen zu Mac. Diese setzte ein breites Grinsen auf und zog die Schultern hoch.
"Nun der Cdmr, ..."
"Sir, ich dachte nur" unterbrach Harm Mac schnell, es war wohl besser, wenn er dem Admiral den Vorschlag selber unterbreitete. "Ich dachte sie könnten sich vielleicht um Jingo kümmern so lange Mac keine Zeit hat."
Als Antwort zog der Admiral die Augenbraunen hoch.
"Cdmr. verstehe ich sie richtig? Ich soll für diesen Hund den Babysitter spielen?"
"Ja Sir!" So langsam fühlte sich Harm unwohl. Wären die Roberts vielleicht ein bessere Lösung gewesen? Ja vielleicht. "Oh Sir, wenn es ihnen nicht passt, vielleicht können Bud und Harriet auf Jingo aufpassen? Es war nur, nun ja wir hatte ja nicht viel Zeit!"
"Schon gut schon gut Cdmr. Ich werde wohl oder übel auf diesen Hund hier aufpassen müssen, zumindest bis zum Montag dann werde ich mit den Roberts darüber sprechen." lenkte der Admiral endlich ein und Harm stieß ungewollt einen Seufzer der Erleichterung aus.
Zum Glück war der Admiral bereits in Richtung seines Büros gegangen und Harm hoffte inständig er habe seinen Seufzer nicht mehr vernommen. Doch Mac hatte ihn gehört und schien sich köstlich zu amüsieren. Überhaupt schien sie viel Spaß daran zu haben. Aus den Augenwinkeln hatte er genau gesehen wie Mac hinter dem Admiral stand und sich die ganze Zeit ein Lachen verkneifen musste.
"Hauptsache du hast deinen Spaß Mac!" flüsterte er und folgte dann dem Admiral in sein Büro. Auch Mac machte sich auf den Weg und diesmal verkniff sie sich das Lachen nicht.
"Col. warum diese Schadenfreude?" fragte der Admiral
"Schließlich ist es ihr verdammter Hund, oder nicht?" Mac fühlte sich ertappt und entschuldigte sich sofort beim Admiral.
"Gut, wenn sie beiden dann endlich bereit sind mir zuzuhören, können wir ja anfangen! Oder gibt es noch etwas?"
Beide schüttelten den Kopf. "Fein, dann setzen sie sich."
Nachdem beide sich gesetzt hatten, reichte der Admiral beiden eine Akte.
"Sie beiden werden noch heute nach San Diego aufbrechen und sich dort um diesen Fall kümmern. Es geht um Major Sarah Donnelly. Sie ist seit gestern Mittag als vermisst gemeldet." Chegwidden machte eine kleine Pause und Harm nutzte diese um gleich nachzuhaken. "Ist sie desertiert, Sir?"
"Cdmr. genau das gilt es für sie herauszufinden."
"Ja, aber warum dann diese Eile?" fragt nun Mac.
"Col., weil Major Donnelly die Tochter vom General Donnelly ist. Das sollte als Grund ausreichen."
"Von General Donnelly, Sir? Ich denke allerdings das dies als Grund reicht. Ist der General nicht sehr angesehen im Pentagon?" es war keine Frage, sondern eine Feststellung die Harm tätigte.
"Ja, Cdmr. deswegen wurden auch ausdrücklich meine beiden besten Anwälte geordert sich dieses Falles anzunehmen." Chegwidden erhob sich von seinem Sessel und umrundete mit großen Schritten seinen Schreibtisch.
"Das wunderliche an der Sache ist, dass der Major noch vor zwei Tagen mit ihrem Vater telefoniert hatte und zu diesem Zeitpunkt schien alles noch in Ordnung. Außerdem, " der Admiral verschränkte seine Arme vor der Brust, " als ich den Major vor etwa einem Jahr persönlich traf, er schien sie mir sehr stolz darauf ein Marine zu sein und in die Fußstapfen ihres Vater zu treten."
"Vielleicht ist im letzten Jahr etwas gesehen das ihre Meinung darüber geändert hat?" meinte Mac.
"Komm schon Mac, was gibt es auf der Welt was Dich davon abhalten könnte ein stolzer Marine zu sein?" Fragte Harm sie und Macs Antwort war erwartender Weise: "Nichts!" Jedoch lenkte sie sofort ein, dass nicht jeder wie sie sei.
"Du hast Recht, Du bist mit niemanden zu vergleichen..." dachte Harm sich, doch Mac verwundertes Gesicht und das des Admirals zeigten ihm, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte. Doch beide verzichteten zu seinem Glück auf einen Kommentar. Stattdessen fuhr der Admiral mit seinen Vortrag fort.
"Also sie beiden werden jeder erdenklichen Spur nachgehen und mich über die kleinste Kleinigkeit auf dem laufenden halten. Ist das klar?"
"Aye, Aye Sir" riefen beide aus einem Munde.
"Gut, dann machen sie sich auf den Weg zum Flughafen. Ihr Flug geht in 2 Stunden."
"Aye, Aye Sir!" rief Mac
"Aye, Aye Sir!" Harm.
Beide waren dabei das Büro ihres COs zu verlassen als dieser noch einmal nach dem Col. rief.
"Ja Sir?"
"Zwei Dinge noch. Erstens was muss ich noch bezüglich meines Gastes wissen und zweitens: Verhindern sie unter allen Umständen das der Cmdr. irgendwelchen Blödsinn verbockt- Und das ist ein Befehl."
Mac lächelte nachsichtig, klärte den Admiral über Jingo auf und versprach heilig ein Auge auf den Cmdr. zu werfen.
"Col. ein Auge wird nicht reichen, behalten sie ihn die ganze Zeit fest im Blick."
"Das tue ich sowieso schon", platzte es Mac heraus.
Der Admiral bedachte Macs Kommentar nicht und befahl seinen beiden Offizieren wegzutreten.
Die Fahrt zum Flughafen legten sie schweigend zurück. Nun saßen sie in der Abflughalle des Flughafens und warteten darauf das ihr Flug aufgerufen wurde. Mac beobachtete ihren Partner verstohlen aus dem Augenblick. Die letzten Wochen hatten anscheinend nicht nur an ihren Nerven gezerrt, sondern auch an seinen. Derartig angespannt hatte sie ihn schon lange nicht mehr gesehen. Er schien sogar ein paar Pfund abgenommen zu haben und auf seiner Stirn bildeten sich tiefe Falten. "Es ist nicht meine Schuld", dachte sie aber die fühlte sich trotzdem nicht gut.
Nichts wünschte sie sich sehnlicher als wieder wie früher mit Harm zusammen sein zukönnen. Wie zwei Freunde die einander respektieren. Mac schloss die Augen und sie sah einen Harm der sie liebevoll tröstete. Das war lange her, zu lange! Ohne es zu wollen stieß sie einen Seufzer aus. "Alles klar?" fragte Harm sie sofort. Das hörte sich tatsächlich besorgt an, schoß es ihr durch den Kopf. Sie öffnete die Augen wieder und sah zu ihm herüber. Diesen Blick hatte sie vermisst. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Ja, so hatte er sie früher immer angeschaut, wenn es sich um sie gesorgt hatte. Vielleicht würde diese Reise ihnen helfen sich wieder zusammen zuraufen und endlich wieder Freunde zu werden. Vielleicht konnte sie dann auch wieder schlafen ohne sich stundenlang im Bett herumzuwälzen.
"Hey?" riss Harm sie aus ihren Gedanken und sie blickte verlegen zur Seite. "Ich bin nur müde", meinte sie leise und hoffte er habe ihre wahren Gedanken nicht erraten.
"Das bin ich auch." Um seinen Worten mehr Aussagekraft zugeben gähnte er herzlich. Dann verfielen beide wieder in Schweigen. Mac schloß ihre Augen wieder und schon nach wenigen Sekunden war sie eingeschlafen. Sie träumte von Harm. Er und sie saßen zusammen an einem Tisch. Im Hintergrund wurde leise Musik gespielt und einige Paare tanzten zusammen auf der Tanzfläche. Sie sah wie sich Harms Lippen bewegten, aber sie konnte ihn nicht hören. Doch ihr Herz raste und in ihrem Inneren machte sich ein schönes Gefühl breit. Nun sprach auch sie zu ihm, ihre Lippen bewegten sich. Was reden wir da? Mac spürte ihre eigene Aufregung, als sie sah das Harm sich zu ihr herüberbeugte. Ihre Gesichter waren nun nur noch Zentimeter von einander entfernt. Im Traum schloß sie die Augen und dann hörte sie ihn leise sagen: "Mac, Du bist..."
Jemand rüttelte an ihren Schultern. Wieder erklang Harms Stimme: "Maaac..." Benommen öffnete sie die Augen und sah direkt in Harms Gesicht. "Mac, Du bist eingeschlafen!" Sagte er leise, "Unser Flug wurde gerade aufgerufen." Es dauerte noch einige Momente bis Mac realisierte das sie sich nicht in der Bar befand, sondern immer noch auf den Flughafen. Harm hatte sie geweckt und nicht... Ja, was hatte er nicht getan, fragte sie sich. War das im Traum eine Liebeserklärung gewesen? Warum sonst hätte sich ihr Herzschlag sonst verdoppeln sollen?
"Mac, nun komm schon", drängelte Harm und sie kehrte zurück in die Realität. Eine Liebeserklärung, das war doch lächerlich. Natürlich mochte er sie, vielleicht auch mehr als irgendetwas anders, aber er liebte sie nicht. Zu oft hatte er die Chance es ihr zu sagen. Zu oft. Enttäuscht erhob sich Mac von ihrem Platz und griff nach ihrer Tasche.
Harm bedachte sie mit einem besorgten Blick, sagte aber nichts.
Erst als sie im Flugzeug Platz genommen hatten fragte er sie: "Hey Mac, ist wirklich alles in Ordnung? Du hast mich vorhin in der Halle so merkwürdig angesehen?"
Sie hätte ihm gerne von ihrem Traum erzählt, aber der kleine Waffenstillstand zwischen ihnen bedeutete ihr zuviel, daher sagte sie nur, das es ihr wirklich gut geht. Was hätte sie ihm auch schon anderes sagen sollen? ´Hey Harm ich bin okay, abgesehen davon das ich seit Wochen keine Nacht mehr durchgeschlafen habe, weil wir beide keine Freunde mehr sind?` Nein, das hätte sie ihm nicht gestehen können.
"Falls doch etwas ist..." er schenkte ihr sein berühmtes Fliegerlächeln.
"Ja, ich weiß..."
Mac und Harm machten es sich so bequem wie möglich und es dauerte nicht lange bis sie beiden eingeschlafen waren. Fast drei Stunden später wurde Harm, da er am Gang saß, von einer Stewardess geweckt. "Sir, würden sie bitte ihre Frau wecken, die Lehnen aufrichten und sich anschnallen?" Harm war noch zu benommen von dem kurzen Schlaf, das er nur leicht nickte. Er wollte sich strecken, aber etwas, nein jemand behinderte ihn dabei. Mac hatte sich im Schlaf an ihn gekuschelt. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter und sie schlief wie ein Baby. Es fiel ihm schwer sie zu wecken, aber auch der Kaptiän kündigte nun über Lautsprecher ihre Ankunft in San Diego an und ihm blieb nichts anderes übrig. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken strich er ihr die Haare aus dem Gesicht. "Mac." Sie begann sich müde in seinem Arme zu räkeln und Harm verspürte plötzlich den Drang sie fest an sich zu drücken. Sie war so unglaublich weich und warm und sie duftete nach... Harm kam nicht mehr dazu heraus zu finden wonach sie duftete. Mac schreckte im nächsten Moment hoch und rammte dabei seinen Kinn. Vor Schmerzen stieß Harm einen Schrei aus und Mac blickte verwirrt zu ihrem Partner herüber.
Harm rieb sich seinen schmerzenden Kiefer. " Verdammt das hat weh getan Mac, mußt du so ... ", er wollte "so einen Dickkopf haben" sagen, aber als er in Macs verschlafenes Gesicht sah, mit den verwuschelten Haaren und dem verhangenen Blick, konnte er nur noch daran denken wie süß sie gerade aussah.
"Muss ich was...", brach Mac als Erste das Schweigen zwischen ihnen, jedoch starrte Harm sie einfach weiter an. "Hey Erde an Rabb!" rief sie laut und diesmal schien Harm sie auch gehört zu haben, denn er schüttelte den Kopf und fragte: "Wie bitte?"
"Muss ich was...", wiederholte sie ihre Frage. Immer noch ein wenig verwirrt antwortete Harm nur: "Hab ich vergessen!" Allerdings gab sich Mac damit nicht zufrieden. Während sie ihren Sicherheitsgurt anlegte, hakte sie weiter nach: " Komm schon, was wolltest du eben sagen?"
"Ich habe es vergessen Mac. Du verpasst mir ja auch nicht jeden Tag eine Kopfnuss", versuchte er sich herauszureden.
Mit frechem Grinsen meinte sie nur: "Leider!"
Harm blickte sie fassungslos an. Hatte sie gerade wirklich leider gesagt. Natürlich hatte sie, ihre Augen verrieten sie nur zu deutlich.
Er wollte etwas erwidern, aber sein Kopf war plötzlich wie leer gefegt. Nicht weil er sauer war, sondern weil er erkannte das Mac scherzte. Mit ihm! Wie lange war das her? Gab es vielleicht wirklich doch noch einen Funken Hoffnung? Würden sie wieder Freunde werden? Ja, er war sich sicher das sie es wieder werden würde. Ihre Freundschaft hatte eine Chance. Es war nur eine Frage der Zeit und er würde bestimmt nichts übereilen, dafür war sie ihm zu wichtig. Er würde es langsam angehen und nicht mehr fordern als sie bereit war zu geben.
Um kurz nach Mitternacht Ortszeit landete die Maschine auf dem Flughafen in San Diego. Beide hofften erst morgen mit ihren Ermittlungen anfangen zu müssen, doch ihre Hoffnung wurde durch ihr Begrüßungskomitee zunichte gemacht. Am Ausgang wurden sie von General Donnelly höchst persönlich empfangen.
"General Donnelly, Cmdr. Rabb und Col. MacKenzie melden sich zur Stelle."
"Col., Cmdr. wie schön das es ihnen gelungen ist so kurzfristig her zukommen." begrüßte der General die beiden. "Am besten wir machen uns gleich auf den Weg, damit sie beide noch ein paar Stunden schlafen können. Morgen früh um 800 habe ich ein Briefing einberufen." Die Erleichterung darüber, dass sie doch erst schlafen konnte war groß. Auf der Fahrt erklärte ihnen der General das sie beiden in einem Haus auf den Stützpunkt untergebracht werden. Mit zwei Schlafzimmer und zwei Badezimmern, wie der General hervor hob. Aber das war Mac und Harm im Grunde egal, Hauptsache die beiden hatten ein Bett und ein paar Stunden zu schlafen.
"General gibt es schon eine Spur von ihrer Tochter?" fragte Harm als sie gerade auf den Stützpunkt fuhren. Der General schüttelte nur seinen Kopf und konzentrierte sich aufs Fahren. Am Tor hielt der General an und ein Gunnery Srgt. trat an den Wagen. "General Donnelly, wir haben gerade die Nachricht erhalten das vor wenigen Minuten eine Email eingetroffen ist. Sie sollen sofort zu Col. Sandfort kommen. Er sagte es sei sehr wichtig. Der General befahl dem Gunny wieder wegzutreten und wand sich dann an Harm und Mac.
"Mir scheint als würde es noch ein wenig länger dauern bis sie schlafen können." Dann fuhr der General weiter und hielt nach wenigen Minuten vor einem flachen Gebäude. Er stieg aus und wartete bis Mac und Harm ebenfalls ausgestiegen waren. Bevor sie die Tür erreichten wurde diese von innen aufgerissen und ein junger Colonel erschien. "General, die Entführer haben sie gerade gemeldet", er wedelte mit einem Stück Papier herum. Donnelly riss ihm das Stück Papier aus der Hand und begann zu lesen. "Wissen wir von wo es gesendet wurde?"
Der Col. blickte den General kopfschüttelnd an. "Das einzige das wir wissen ist die Email der Entführer, aber wir haben die Informatiker bereits angefordert und sie müssten ihr in den nächsten Minuten aufschlagen."
"Gut Noah! Darf ich dir dann Cmdr. Rabb und Col. MacKenzie vorstellen? Sie sind vom JAG-Hauptquartier aus Washington und werden die Ermittlungen führen."
"Guten Abend Col. Cmdr. mein Name ist Col. Noah Sandfort falls sie irgendetwas brauchen sollten, dann melden sie sich sofort bei mir."
Harm betrachtete den Colonel: "Das werden wir", dann wand er sich an den General, "Sir was schreiben die Entführer?"
Statt ihm zu antworten reichte er ihm das Papier. Viel hatte die Entführer nicht geschrieben. "Wir haben ihre Tochter. Es geht ihr gut, solange sie sich an unsere Anweisungen halten. Morgen früh werden wir unsere Forderungen stellen." las Harm laut vor damit auch Mac den Inhalt der Email kannte. Trotzdem las Mac die Email noch einmal selber. "Ich frage mich warum die Entführer sich so spät melden." dachte Mac laut nach. "Wann wurde ihre Tochter das letzte Mal gesehen, General?"
"Zum Mittag essen in der Kantine, das war etwa gegen 1200", meinte der General, "Normalerweise machte sich immer erst um 1300 ihre Mittagspause, zusammen mit Col. Sandfort." Der Col. fuhr fort die beiden JAG Anwälte zu informieren. "Sie hatte mich am Morgen angerufen um mir mitzuteilen, dass sie um 1300 keine Zeit habe und sie deswegen schon früher Mittag machen wollte. Ich habe ihr gesagt das ich es nicht vorher schaffen."
"Was hat der Major noch gesagt? Hat sie ihnen gesagt warum sie nicht konnte?" hakte Mac nach.
Der Col. schüttelte den Kopf. "Nein, sie sagte es sei nicht schlimm, sie würde einfach alleine essen gehen und dann Abends nach ihrem Dienstschluss in der Offiziersmesse auf mich warten würde. Das war alles."
"Aber da war sie nicht!" stellte Harm folgerichtig fest und der Colonel nickte. "Nein Cmdr.!"
"Wer war es der den Major als letztes gesehen hat?" fragte er weiter und diesmal antwortete der General. "Das war Gunnery Srgt. Hunter, er hat mit ihr zu Mittag gegessen. Sie können ihn morgen früh befragen, er wird ebenfalls um 800 beim Briefing sein."
"Noah, bitte bring den Cmdr. und den Col. zum Haus 12, sie werden es für die Zeit ihrer Ermittlungen bewohnen."
"Cmdr., Col. wir sehen uns morgen früh um 800. Gute Nacht!" Harm und Mac salutierten
"Aye, Aye Sir" riefen sie beide und der General machte auf dem Absatz kehrt, verschwand im Inneren und ließ die drei alleine zurück.
"Col. Sandfort mir scheint als kennen sie den General schon lange?" fragte Harm als sie zum Auto zurückgingen.
"Wie kommen sie darauf?"
"Er nennt sie Noah, deswegen!" Der Col schien einen Moment zu überlegen. "Normalerweise tut er das nicht, aber die Sache mit seiner Tochter beschäftigt ihn sehr."
"Also kennen sie sich schon länger?"
"Das kann man wohl so sagen. Sarah, ich meine Major Donnelly und ich sind zusammen groß geworden. Unsere beiden Väter waren beim Militär und wir lebten mit unseren Familie hier am Stützpunkt."
Mac betrachtete den Col. während der kurzen Fahrt über den Rückspiegel. Wenn er den Majot schon so lange kannte, erklärte es seinen Zustand. Er schien wie der General seit gestern nicht mehr geschlafen zu haben.
"So da sind wir." erklärte der Col und hielt vor Haus Nr. 12 "Soll ich ihnen noch mit dem Gepäck helfen?"
Harm und Mac lehnte dankten ab und Mac meinte noch: "Col. ich denke es ist wichtiger das auch sie ein paar Stunden schlafen. Sie sind uns sonst keine Hilfe."
"Ich werde es versuchen, aber solange Sarah nicht wieder zurück ist kann ich eh nicht richtig schlafen. Trotzdem, Gute Nacht. Bis morgen." Dann ging er und rief ehe er einstieg das dass Frühstück ab 0500 in der Kantine eingenommen werden konnte, weil morgen ein Übung geplant war."
Harm sah auf seine Uhr und seufzte. um 5 Uhr frühstücken? Das war in weniger als 3 Stunden. Er musste entscheiden was er wollte. Länger schlafen und bis zum Mittag hungern, oder frühstücken und dafür weniger schlafen.
"Sailor, Marsch Marsch. Uns besteht eine kurze Nacht bevor." meinte Mac in diesem Moment und musste sich wohl oder übel für die zweite Variante entscheiden, sonst hatte er keine Zeit mehr vor dem Briefing mit Mac über den Fall zu sprechen.
"Okay, Ninjagirl!"
Morgens wurde Mac von ihrem Wecker unsanft aus dem Schlaf gerissen. Zuerst wußte sie nicht mehr wo sie war, irriert blickte sie sich in dem fremden Zimmer um. Obwohl sie todmüde gewesen war, hatte sie nicht einschlafen können. Vielleicht hatte sie eine oder auch zwei Stunden geschlafen. Sie spürte jeden Knochen in ihrem Körper und statt ausgeruht zu sein, fühlte sich sich noch erschöpfter. Als der Wecker ein Zweitees Mal klingelte quälte sie sich langsam aus dem Bett und lief schlaftrunkend zum Bad das direkt neben ihrem Zimmer lag. Nach einer kalten Dusche und einen deftigen Frühstück würde es ihre schon besser gehen.
Am Ende des Korridors hörte sie Harm unter der Dusche singen und das mit unverschämt guter Laune, wie Mac feststellte. Als Mac eine halbe Stunde später die Treppen herunter ging wartete Harm bereits auf sie. "Mac, wo bleibst du solange? Ich habe eine Bärenhunger", rief er ungeduldig und riss die Haustür auf.
"Harm hör auf mich zu drängeln. Ich habe schlecht geschlafen und wenn du schon ein halbes Schwein frühstücken kannst, dann weiß ich nicht wie für mich genug Essen in der Kantine sein kann", und um ihre Worte zu unterstreichen knurrte in diesem Moment ihr Magen.




