Kritik im "Stern" vom 09.02.2007

#1 von Petra , 10.05.2007 01:20

TV Serie "Close to Home"
Hauptsache, das Kind schläft durch


Von Peer Schader
"Stern" Beitrag vom 09.02.2007


Es ist schwer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Und noch viel schwerer, daraus eine Serie zu machen. "Close to Home" bei Vox zeigt, wie eine junge Staatsanwältin die Doppelbelastung meistert - und langweilt zum Auftakt maßlos. Doch dann gibt es eine Überraschung.

Aus dem Fernsehen wissen wir, dass Vorstadtidylle trügerisch ist. Hinter den weiß gestrichenen Gartenzäunen, den säuberliche gemähten Rasenflächen und den liebevoll gestalteten Blumenterrassen passieren die schlimmsten Verbrechen. Deshalb ist es besser, wenn man nicht zuviel über seine Nachbarn weiß.
Annabeth Chase wohnt in so einer Vorstadtidylle, und als Staatsanwältin bekommt sie hautnah mit, was tatsächlich Schreckliches nebenan passiert. Sie sagt: "Die anständigen Leute, die in die Kirche gehen, im Rotary-Club Mitglied sind und sich als Biedermänner tarnen, machen mir Angst."
Aus der Wirklichkeit wissen wir wiederum, dass berufstätige Mütter es nicht leicht haben. Vor allem wenn der Nachwuchs erst ein paar Monate alt ist, nachts einfach nicht durchschlafen will, die Mama aber am anderen Morgen topfit für den Job sein muss. Wenn sie abends nachhause kommt, schläft der Sohn oder die Tochter vielleicht schon wieder. Und am Wochenende muss sie sich haufenweise Akten mit heimnehmen.

"Ich schaff das schon, ich schaff das schon"
Annabeth Chase gehört auch zu den Müttern, die nach der Geburt ihres Kindes den Job nicht einfach aufgeben wollten. Und die sich manchmal, wenn die Belastung zu groß wird, im Büro weinend auf die Toilette verkriechen und schluchzen: "Ich schaff das schon, ich schaff das schon."

"CSI"-Produzent Jerry Bruckheimer hat versucht, das alles in einer Serie zusammenzubringen: Die trügerische Vorstadtidylle und die Doppelbelastung einer jungen Mutter. Aber es durfte nicht so ironisch wie in "Desperate Housewives" werden, sondern sollte ernst gemeint sein. Das ist ganz unglaublich schief gegangen.

Denn zumindest die erste Folge der neuesten Vox-Serienentdeckung "Close to Home" macht den Eindruck, als sei sie für eine Kampagne zur Verbesserung des Ansehens berufstätiger Mütter in der Öffentlichkeit entwickelt worden. "Ich will Mutter sein und auch arbeiten. Ich will alles", fordert Protagonistin Chase von ihrem Mann, der ja auch gar nichts dagegen hat. Wenn das Töchterchen nachts schreit, springt die Mama sofort auf: "Das ist wie Folter. Ich kann sie nicht schreien lassen. Ich bin schwach, viel zu schwach. Ich liebe sie zu sehr."

Die Botschaft wird überstrapaziert
Im Büro bestellt Chase (gespielt von Jennifer Finnigan) bei ihrem Chef einen eigenen Kühlschrank, damit sie ihre Muttermilch in kleine Fläschchen abfüllen und mit nachhause nehmen kann. Weil eine Kollegin Karriere gemacht hat, beschwert sie sich: "Ich gehe drei Monate in Mutterschutz und sie wird befördert. Das ist Diskriminierung!" Doch der Chef antwortet bloß trocken: "Nein. Das ist die Realität."

Ihre Kollegin ermahnt sie, sich bei ihren Entscheidungen "nicht von den Hormonen" leiten zu lassen. Doch am Ende gesteht sogar die Widersacherin: "Ich weiß aus Erfahrung, dass es keinen anstrengenderen Job gibt als berufstätige Mum zu sein."

Das glaubt man ja gerne! Aber "Close to Home" strapaziert das so sehr über, dass einem nicht nur die Hauptprotagonistin, sondern gleich die ganze Serie unsympathisch wird. Nach ein paar Minuten hat einfach jeder Zuschauer die Botschaft verstanden. Und trotzdem geht es 40 Minuten so weiter mit der starken Frau, die ständig schwache Momente hat.

Beim zweiten Mal ist alles anders
Und dann gibt es eine Überraschung: In der zweiten Folge ist alles anders. Nicht mehr Chases Stress zwischen Beruf und Familie steht im Mittelpunkt, sondern der Entführungsfall, der bereits nach zwanzig Minuten gelöst ist, weil das Opfer gefunden wird - aber das Geständnis des Täters vor Gericht nichts mehr gilt, da Chase ihn auch dann noch befragte, als er nach einem Anwalt verlangte, um Hinweise auf den Aufenthaltsort des Opfers zu bekommen .

Es ist ein verzwickter Fall und bis zur letzten Minute bleibt offen, ob Chase den Entführer mit neuen Beweisen doch noch überführen kann. Spannend ist "Close to Home", weil die Serie an diesem Punkt die Herangehensweise der Staatsanwältin in den Mittelpunkt rückt: Ihr geht es in erster Linie darum, den verzweifelten Eltern die Tochter zurückzubringen - egal, ob dabei das Polizeiprotokoll verletzt wird.

Das hat zwar zur Folge, dass plötzlich ein tobender Chef in Chases Büro steht, der das nicht verstehen kann, später aber einsieht, dass diese Taktik manchmal nötig ist, um Erfolg zu haben. Seine Erkenntnis lautet: "Der Mensch ist wichtiger als der Fall."

Die Katastrophe ist gerade noch mal abgewendet
Wenn es um Gewissenfragen geht, und darum, gerade dann auf seine Gefühle zu hören, wenn eigentlich alles von Gesetzen geregelt scheint, hat "Close to Home" seine starken Momente. Das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Bruckheimers Produktion furchtbar sentimental geraten ist, geradezu langweilig geradlinig und sich mit überemotionalisierten Geschichten an seine Zuschauer wendet - aber die Katastrophe ist gerade noch einmal abgewendet worden.

Am Ende der ersten Folge wacht Chase morgens neben ihrem Mann auf, die Sonne scheint ins Zimmer und ihr wird bewusst, dass sie die ganze Nacht nicht hat aufstehen müssen: "Hör mal, wie still es ist", flötet sie ihrem Mann zu. Der Fall ist gelöst. Und dann schläft prompt das Kind durch. Das muss der Himmel auf Erden sein!

Für solche Einfälle müsste man Serienautoren eigentlich zum Teufel jagen. Gut, dass "Close to Home" in der Woche drauf doch noch die Kurve kriegt. Aber Jerry Bruckheimer sollte sich künftig vielleicht lieber ganz "CSI" widmen. Vielleicht fällt ihm ja noch ein weitere Auskoppelung ein: "CSI: Vorstadtidylle" wäre ein Vorschlag.


Wie ist Eure Meinung zu dieser Kritik, ist sie überspitzt oder ist doch ein fünkchen Wahrheit in diesem Beitrag !!




Liebe Grüsse Petra

Kalorien sind kleine Tierchen, die nachts die Kleidung enger nähen.

 
Petra
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