Boomerang Reloaded
von Butze
Entdecke den Butze in dir!
18. Dezember 2000
New York City
Im Fernseher lief gerade einer dieser alten Weihnachtsschinken in schwarz weiß als Ed Marion das bestellte Essen von dem Boten an der Haustüre in Empfang nahm. Hungrig öffnete er die Tüte und schnupperte an der Pizza. Es kam die Tage öfter vor das er den ganzen Tag im Haus blieb und sich abends etwas liefern ließ. Diese Einstellung hatte zum Teil etwas mit dem scheußlichen Wetter in New York zu tun. Im Winter war es immer eisig kalt und es stürmte furchtbar. Das war durchaus ein guter Grund nur zum Einkaufen vor die Türe zu gehen. Nicht das er sonst viel geselliger wäre, nein, Marion fand es viel angenehmer in `seinem eigenen Saft zu kochen´ wie es seine arme alte Mutter immer ausgedrückt hatte. Seine Mutter war jetzt seit 7 Jahren tot, an Weihnachten musste er oft an sie denken. Doch dies war nicht der eigentliche Grund dafür dass er das Schneetreiben lieber im Fernseher als in natura verfolgte. Der richtige, schwerwiegendere Grund war nicht leicht für ihn zu akzeptieren. Schon gar nicht wenn man ein stolzer Ex-Marine war. Jedoch, man musste sich seinen Dämonen stellen. Ja, den Dämonen stellen. Genau das hatte er sich in den letzten Monaten oft gesagt und im gleichen Moment als er sich entschlossen hatte sich seinen Dämonen zu stellen war ihm auch in den Sinn gekommen das es sicherer war sich nicht mehr vor seinem Haus sehen zu lassen. Solange nicht bis er diese Sache in Ordnung gebracht hatte. Es würde auch nicht mehr lang dauern, vielleicht noch zwei oder drei Tage. Dann konnte er endlich seine Seele erleichtern. In zwei oder drei Tagen würde er hoffentlich endlich den Mut aufbringen können mit seinen Fehlern Schluss zu machen. Zuerst würde er in die Kirche gehen und beichten, er war schon immer ein sehr religiöser Mensch gewesen – darum erschien ihm das als wichtig-, und danach ginge es direkt zu dem Mann der ihn erlösen würde. Der Mann mit dem er schon einen Termin ausgemacht hatte und der ihm dann die Verantwortung für sein Geheimnis aus den Händen nehmen würde. Ja, Ed Marion freute sich wirklich auf diesen Tag. So war es für ihn auch nicht all zu schlimm sich die nächsten Tag noch von Pizza zu ernähren.
19. Dezember 2000
J.A.G. HQ
8.15h
Es hätte so ein netter Tag werden können. Er war heute Morgen gut aus dem Bett gekommen, die Straßen waren frei gewesen und das Radio hatte ausnahmsweise mal darauf verzichtet Britney Spears zu spielen. Aber dann hatte sich alles verschlechtert. Es hatte damit angefangen das er noch bevor er überhaupt eine Chance gehabt hatte das Büro zu betreten mitten in den kleinen A.J. Roberts gerannt war der dann auch noch zu allem Überfluss auf seinen vier Buchstaben landete. Seine Mutter war sofort herbei geeilt um sich zu entschuldigen, trotzdem hatte er es sich nicht nehmen lassen ein bissiges Kommentar abzugeben. Daraufhin hatte sich der Knirps hinter dem Bein seines Vaters versteckt und gejammert der böse Onkel sollte weggehen. Naja, jetzt sah ihn zwar jeder schief an weil er derjenige war der einem kleinen, unschuldigen Kind Angst einjagte. Aber was soll’s? Was suchte dieser Satansbraten überhaupt hier und warum musste er unbedingt HEUTE Morgen wie ein Irrer vor seiner Mutter her rennen. Das nächste was ihm seinen schönen Tag vermieste, nein was ihn unglaublich wütend machte war die Tatsache das seine Sarah in der Küche stand und fröhlich mit einem gewissen Ex-Piloten schnatterte. Das Schlimmste war das sie fröhlich lachte und sich wohl zu fühlen schien. Wie konnte sie nur so gut gelaunt sein und mit diesem arroganten Schnösel reden während er doch so offensichtlich eine Aufheiterung gebrauchen könnte. Langsam näherte er sich der Küche und konnte gerade noch mithören wie Sarah sagte: !! in die Küche und stapfte dann in sein Büro weiter um die Türe geräuschvoll zu schließen. Es konnte ja nicht schaden sie wissen zu lassen das er wütend und mit ihrem Verhalten nicht einverstanden war. Sein Plan war anscheinend aufgegangen denn es dauerte keine fünf Minuten da sah er wie Rabb mit einer Kaffeetasse zum Konferenzraum schlenderte und dabei elegant um den schon wieder rumtobenden A.J. Roberts tänzelte. Zeitgleich klopfte es an seiner Tür und Sarah steckte ihren Kopf hinein.
“Stimmt etwas nicht Mic?“ fragte sie vorsichtig. Sie hatte sehr wohl den grimmigen Ton erkannt mit dem er sie heute morgen in der Küche begrüß hatte und sie wusste auch sehr wohl das dies bedeuten würde das er für den Rest des Tages einfach nur unausstehlich sein würde.
“Oh, nein alles bestens.“ gab Mic zurück.
“Was war den?“ fragte sie jetzt und nahm langsam auf einem Stuhl ihm gegenüber platz.
“Was los ist? Das kann ich dir sagen. Heute Morgen komme ich nichts ahnend hier her um zu arbeiten und das erste was mir passiert ist das dieser Mini-Roberts hier herumwuselt und mich umrennt als wäre er in einem Tollhaus. Noch dazu sieht mich jetzt jeder genau deswegen an als wäre ich ein Kinderhassendes Monster. Aber den Vogel hast du abgeschossen. Kannst du mir mal erklären was das vorhin in der Küche sollte?“
Sie sah ihn verständnislos an, was seine Wut natürlich nur noch anstachelte.
“Gut dann helfe ich dir eben deinem Gedächtnis auf die Sprünge. Du stehst da in der Küche, lachst und redest fröhlich mit diesem Rabb Weichei während ich wirklich ein nettes Wort gebrauchen könnte. Zu allem Überfluss würdigst du mich keines Blickes obwohl ich genau vor der Tür stehe und duzt diesen Affen. Seit wann duzt ihr euch überhaupt?“
“Jetzt aber mal Stopp.“ unterbrach ihn Mac, selbst ziemlich wütend. So ging das schon eine ganze Weile, sie konnte machen was sie wollte sie konnte es Mic einfach nicht recht machen. Andauernd hatte er etwas an ihr auszusetzen oder versuchte sie in eine Schiene zu drücken die sie nicht war. In einer Tour hielt er ihr vor was sie tun und was sie nicht tun sollte. Und in einer Tour hielt er ihr ihre Freundschaft zu Harm vor und erklärte ihr dass es nicht angemessen für eine Frau in einer festen Partnerschaft sei wenn sie eine derartige Beziehung mit einem anderen Mann hatte.
“Komm mal wieder runter. Ich weis gar nicht was du hast. Geht es hier wieder nur um Harm? Ist es das? Bist du wieder mal so eifersüchtig das du mich anschreist als wäre ich taub?“
Als er mit hochrotem Kopf erneut zu etwas ansetzten wollte klopfte es und Tiner verkündete das er Admiral Mac und Mic sofort sprechen wolle. Immer noch vor Wut fast überschäumend folgte Mic Sarah wie sie das Büro des Admirals und nahm Haltung an.
“Rühren. Setzten sie sich bitte.“
Als seine zwei Offiziere seinem Befehl gefolgt waren fuhr er fort.
“Ich schicke sie zwei nach New York. Dort wurde vor ein paar Stunden ein ehemaliger Major der Marines mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden.“
Chegwidden reichte Mac eine Akte und diese gab sie nach Betrachtung an Brumby weiter.
“Gibt es schon einen Verdächtigen?“ wollte Mic wissen und schielte mit dem einen Auge auf die Akte und mit dem anderen in Macs Richtung.
“Nein Commander Brumby. Die örtliche Polizei ermittelt in diesem Fall und bisher haben die Herrschaften noch nichts. Deshalb schicke ich sie.“
“Warum ermittelt der NCIS nicht?“
“Naja, erstens war der Mann nicht mehr aktiv bei den Marines, zweitens habe ich keine Ahnung und drittens habe ich keine Ahnung warum.“
“Das ist nicht gerade viel. Gibt es sonst noch etwas was wir wissen müssen Sir?“ fragte Mic Brumby und sah dabei den Admiral an. Dieser starrte zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
“Falls sie damit fragen wollen ob ich sonst noch Informationen besitze die nicht in dieser Akte stehen oder die ich ihnen noch nicht mitgeteilt habe, Commander Brumby, so lautet meine Antwort Nein. Alles was wir wissen steht in dieser Akte, den Rest müssen sie beide selbst herausfinden. Das ist ja auch der Grund warum sie ermitteln sollen.“
“Ja Sir.“ sagte Mac in einem respektvollen Ton um die Lage zu entspannen. Sie hatte ja schon einige Male erlebt das ihr CO absichtlich provoziert worden war, man muss dabei nicht erwähnen das 90% dieser Aktionen von einem im Büro einschlägig dafür bekannten Ex-Piloten ausgingen, aber eine so grundlose und dumme Art war ihr bis jetzt noch nicht bekannt gewesen. Wie kam Mic nur darauf den Admiral in einem Ton zu fragen der ganz genau darauf deuten ließ das er vermutete Chegwidden würde ihnen etwas verheimlichen.
“Gut, das wäre dann alles. Tiner hat ihre Tickets. Sie dürfen gehen.“
“Aye Sir.“ kam es gleichzeitig von den beiden Anwälten.
“Ach ja, noch etwas...“ fügte A.J. hinzu als Brumby schon die Türklinke in der Hand hatte. Sowohl Mac als auch Mic drehten sich noch einmal um.
“Der SecNav hat durchblicken lassen das er diesen Fall so schnell wie möglich gelöst sehen will. Also fliegen sie da hin, befragen sie Zeugen, finden sie den Täter und schaffen sie dessen Heck vor Gericht! Haben wir uns verstanden?“
“Ja Sir.“ antwortete Mac für beide und verließ das Büro mit Mic Brumby im Schlepptau.
Ohne von seinem Schreibtisch aufzusehen reichte Tiner Mac die Tickets und wünschte einen schönen Tag.
“Hey, unser Flug geht ja schon heute. Wollen wir vorher noch etwas essen gehen?“ fragte Mic und ließ sich ungebeten in einer der Stühle in Macs Büro fallen. Mac entgegnete seinem fragenden Blick mit einem versteinerten Gesicht und versuchte erst gar nicht ihre Wut aus dem Ton ihrer Stimme zu halten.
“Nein das wollen wir nicht. Ich würde sagen dass ich nach Hause fahre und packe während du versuchst deine Eifersucht in den Griff zu bekommen. Ich habe keine Lust mir in New York die Beine nach Zeugen abzulaufen und nebenbei noch mit dir über meine Freundschaft mit Harm diskutieren zu müssen.“
Brumby sah sie sprachlos an.
“Sonst noch etwas Commander?“
“Nein, ich denke das war alles Colonel“ damit erhob sich der Australier und strafte seine Freundin mit einem das-Thema-ist-noch-nicht-abgeschlossen-Blick. Er kannte diesen Blick gut, seine Mutter hatte ihn auch immer benutzt wenn sie etwas nicht bekommen hatte. Unter ihrem Blick hatte er immer den Kürzeren gezogen als er noch ein kleiner Junge war. Aber mittlerweile war er älter geworden und hatte gelernt wie er diesen Blick für seine Zwecke perfektionieren musste. Allerdings schienen seinen Fähigkeiten in dieser Hinsicht zu versagen. Mac zuckte nicht mal mit der Wimper bevor sie dann provokativ in eine Akte starrte. Da musste er sich wohl etwas Besseres einfallen lassen wenn er die nächsten Tage nicht allein in seinem Bett verbringen wollte. Gut sie arbeiteten an einem Fall, das war jedoch kein Grund nachts nicht dieselbe Bettdecke zu nutzen. Um ehrlich zu sein gefiel ihm diese Vorstellung besser, in einer Fremden Stadt, ein fremdes Hotel und ein fremdes Bett...das war alles spannender als die langweiligen Erinnerungen an Sarahs beige Marine Unterwäsche und die Pyjamas mit Cowboymuster. Vielleicht würde das ja helfen die verloren gegangene Leidenschaft in ihrer Beziehung wieder herzustellen. Einfach mal ein paar Tage woanders. Hier und da ein nettes Abendessen, das musste man doch wirklich neben den Ermittlungen machen können. Vielleicht kam dann auch wieder seine alte Sarah zum Vorschein. Die mit der sexy Unterwäsche, die mir ihm alles teilte und die Sarah die nur für ihn da war. Einfach die Frau in die er sich verlieb hatte, die ihm alles gab was er brauchte. In letzter Zeit fühlte er wie ihm dieser Mensch immer mehr entglitt. Sie verhielt sich in den letzen Wochen nicht mehr so wie sonst zu ihm. Sie schien überhaupt nicht mehr zu ihrer Beziehung zu stehen oder etwas darin zu investieren. Mac wollte sich nicht mehr im Büro küssen lassen, sie ging nicht mehr mit ihm zum Lunch, konnte es erstaunlicher weise immer wieder verhindern dass sie zusammen an einem Fall arbeiteten und sagte einige ihrer Verabredungen ab. Angeblich weil sie länger im Büro bleiben musste um an ihren Fällen zu arbeiten. Gemeinsam. Mit ihrem Partner. Commander Harmon Rabb jr. Derselbe Kerl mit dem sie „nur“ befreundet war. Die besten Freunde. Rein platonisch versteht sich natürlich. Doch Mic hatte das nie ganz geglaubt. Gut, sie war mit ihm zusammen gezogen, sie teilten sich ihr Apartment. Was ja an sich eine ganz nette Sache war, man zog ja zusammen um den anderen so oft wie möglich sehen zu können. Jedoch schien Sarah das anders zu sehen, sie machte sich zusehen rar. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam war sie noch im Büro, wenn er zu Abend aß teilte sie sich wahrscheinlich gerade mit Rabb eine Pizza und wenn er schlafen ging tat er das ohne sie weil seine kleine Freundin es ja vorzog mit ihrem „Kollegen“ alte Akten zu wälzen. Aber ohne ihn. Michael Brumby würde diese Story nicht mehr kaufen. Er wusste dass da etwas vorgehen musste zwischen den beiden. Warum verbrachte seine Freundin sonst lieber ihre Zeit mit seinen Arbeitskollegen als mit ihrem Freund? Da gab es keinen Zweifel! Rabb machte sich an Sarah ran, versuchte sie ihm auszuspannen. Aber Mic war dahinter gekommen und kampflos würde er nicht aufgeben. Er würde Sarah beweisen dass er der bessere Mann war. Genau. Wie wusste er zwar noch nicht, aber er konnte es schaffen. Mit diesem neuen Ziel vor Augen stolzierte er mit einem solch Kampfbereiten Gesichtsausdruck in sein Büro das es Harriet Sims veranlasste mitten in ihren Bewegungen zu stoppen und zu beschließen die von Commander Brumby gewünschte Akte lieber in sein Postfach zu legen als sie persönlich zu liefern.
19. Dezember 2000
New York 17.58h
Police Department 5
Abteilung Gewaltverbrechen
Flur 3 Tür 11
Detektive Millers Büro
Der etwa 45 Jahre alte Polizeibeamte musterte seine Gäste vorsichtig. Sie waren erst vor ein paar Stunden mit dem Flugzeug aus Washington gekommen um an dem Fall mit dem Toten Marine zu arbeiten. Eigentlich hatte er keine Luftsprünge gemacht als ihm der Boss heute Mittag erzählt hatte dass er mit zwei Militäranwälten arbeiten würde. Er kannte zwar das Militär nicht gut genug um ein vorschnelles Urteil über den Mann und die Frau vor ihm zu machen, jedoch kannte er Anwälte. Sehr gut sogar, dank seiner Ehe...Exfrau. Dank der alten Furie hatte er viel mehr Stunden als ihm lieb war mit dieser Sorte Mensch verbracht. Das hatte ihm vollkommen gereicht um sich ein Urteil über Anwälte zu machen. Der Fairness halber, und weil diese zwei nicht für seine Ex arbeiteten wollte er den Ermittlern wenigstens eine Chance geben. Die Tatsachen dass mindestens einer der Anwälte sehr, sehr nett anzusehen war spielte natürlich keine Rolle.
“Na gut Mr. Brumby, Mrs. MacKenzie, ich weis es ist schon etwas später und der Flug war bestimmt nicht so erholsam wie sie es sich gewünscht hätten, aber hier kommt das was wir schon wissen. Also, heute Morgen um kurz nach 8 wurde Ed Marion tot in seinem Haus aufgefunden. Ihm wurde die Kehle durchgeschnitten. Ob das auch die Todesursache ist wissen wir noch nicht, der Gerichtsmedizinische Bericht wird wohl erst morgen früh fertig sein. Auf jeden Fall wissen wir bis her das Mr. Marion ein Ex-Marine ist. Das ist ja auch der Grund warum sie hier sind. Am Tatort gab es keine Anhaltsspuren auf den Täter, keine Fingerabdrücke oder Stoffreste. Das Labor wertet aber immer noch aus. Bisher wissen wir nicht viel mehr außer das unser Opfer sehr zurückgezogen gelebt hat, das Haus hier in New York ist übrigens nur sein Wintersitz. Normalerweise wohnt er in Arizona. Tut mir Leid das ich ihnen bis jetzt nicht mehr sagen kann aber wir befinden uns eben noch am Anfang unserer Ermittlungen.“
“Hat man schon die Nachbarn befragt, oder andere Zeugen?“ wollte die Frau wissen. Miller schüttelte seinen Kopf wobei sein dichtes blondes Haar hin und her wirbelte.
“Einer meiner Officers hat versucht bei den Nachbarn etwas herauszubekommen. Fehlanzeige. Alle sagten nur das er freundlich und zurückgezogen war. Zum ungefähren Tatzeitpunkt hat niemand etwas ungewöhnliches gesehen.“
“Haben sie eine Liste der Nachbarn?“
“Wieso fragen sie ...“
“Colonel MacKenzie.“ half Mac nach als der Detektive auffällig nicht nur auf ihre Uniformzeichen schielte.
“Wieso fragen sie Colonel? Meine Männer haben bereits jeden Nachbarn befragt. Da gibt es wie gesagt nichts zu holen.“
“Nicht das wir die Kompetenz ihrer Officers anzweifeln wollen, wir haben nur gern unsere eigenen Aufzeichnungen. Zum einen weil es mir persönlich angenehmer ist selbst mit den Zeugen zu sprechen, zum anderen müssen wir auch Berichte über unsere Ermittlungen und Verfahren schreiben, und das geht mit selbst durchgeführten Befragungen einfach viel leichter. Das verstehen sie sicher Detektive Miller.“
Miller drehte seien Kopf hin und her und beäugte die Frau in Marineuniform. Spätestens jetzt war sie ihm sympathisch. So gut wie sie aussah redete sie auch. Sie hatte Temperament. Er war gewillt nach diesem Fall vielleicht noch mal seine Meinung über Anwälte zu ändern. Auf jeden Fall aber gegenüber Frauen im Militär.
„Natürlich habe ich Verständnis dafür, ich werde ihnen eine vollständige Liste aller potentiellen Zeugen zusammenstellen lassen. Sie liegt dann ab morgen bei meinem Assistenten hier aus. Im Übrigen habe ich es mir auch herausgenommen schon einen Termin bei dem Gerichtsmediziner für uns drei zu machen. So muss sie nicht alles zwei Mal erzählen. Morgen um 10 Uhr ist ihnen doch recht?“
“Das wird kein Problem sein. Wenn sie uns jetzt entschuldigen, wir müssen noch unser Hotel finden.“ damit verabschiedeten sich die Anwälte. Als gutem Polizist entging Miller natürlich nicht die kleine Auseinandersetzung zwischen Colonel MacKenzie und ihrem Kollegen. Der breite Mann hatte versucht ihr beim Hinausgehen die Hand auf den Rücken zu legen, woraufhin diese herumgewirbelt war um die Hand des Mannes abzuwehren. Er fragte sich in welcher Beziehung die beiden wohl zueinander standen.
Hotel Lyon
New York
18.46h
Zimmer A125
Völlig erschöpft ließ sich Colonel MacKenzie auf ihr breites Hotelbett fallen und sah sich um. Keine Frage, diesmal hatte die Navy ein sehr gutes Hotel für ihre Anwälte gebucht, sie hatte schon in schlechteren Kaschemmen absteigen müssen. Dieses Zimmer hier hatte eine Schlüsselkarte, ein großes Bett, einen Fernseher, eine nette Dusche und was am wichtigsten war: eine volle Minibar. Zumindest war diese jetzt noch voll, wer wusste schon ob sie es auch noch in ein oder zwei Stunden sein würde. Das kam ganz auf die Qualität des Zimmerservices an. Ja, Zimmerservice hatte dieses nette Hotel auch. Es musste dem SecNav ganz schön was an diesem Fall liegen wenn er bereit war solche Zimmer zu bezahlen. Entweder das oder Tiner hatte es beim Buchen besonders gut gemeint. Allerdings war da natürlich bei all dem Positiven auch ein dickes, fettes ABER. Mac und ihr Partner für diesen Fall, Mic Brumby, hatten zwar, Gott sei Dank, getrennte Zimmer allerdings wurden beide Räume durch eine Verbindungstür für den jeweils anderen zugänglich gemacht. Mic hatte sich mehr über diese Tatsache gefreut als Mac. Eigentlich, wäre dieser Fall nicht dazwischen gekommen, hatte sie vorgehabt sich die nächste Zeit von Brumby fern zu halten. Eine Beziehungspause einzulegen, einfach damit sie sich wieder klar werden konnte ob es überhaupt das war was sie wollte, eine Beziehung mit Mic Brumby. Ganz genau deshalb war ihr diese räumliche Nähe und die Möglichkeit für ihn mit Leichtigkeit in ihr Zimmer zu gelangen nicht angenehm. Sicher, sie hätte die Tür einfach abschließen können, aber das hätte Mic nur verärgert und dann hätte sie ihm wieder erklären müssen warum sie was tat. Was natürlich völlig unsinnig war da er in letzter Zeit nicht zuhörte und ihr so wie so nicht glaubte. Da konnte sie nur hoffen dass er nicht auf die Idee kam nachts die Betten wechseln zu kommen. Immer noch darüber in Gedanken klopfte es an der Tür und wenig später steckte ein Rosenstrauß seinen Kopf durch die Tür. Nein halt, Blumensträuße hatten keine Köpfe, Mic steckte seinen Kopf durch die Tür und präsentierte einen Rosenstrauß.
“Hey Liebling. Ich wollte mich bei dir entschuldigen und dachte das mir die Rosen und eine Reservierung in einem teuren Restaurant dabei behilflich sein könnten.“ grinste Mic.
Mac seufzte innerlich und trug ein kleines Gefecht aus das dann aber doch entschied seine Entschuldigung anzunehmen. Lächelnd nahm sie ihm die Blumen ab und bat ihn ins Zimmer.
“Nein Mac wir müssen jetzt los, der Tisch ist auf 19 Uhr reserviert.“
“Was? Jetzt schon? Könnern wir das heute nicht ausfallen lassen bitte? Ich bin wirklich müde und die Ermittlungen werden nicht leicht sein.“
Jetzt drückte sich Mic doch durch die Zimmertür und fuhr sich verärgert durch die Haare.
“Weist du wie lange ich vorhin rumtelefoniert habe um noch einen Tisch zu bekommen? Du könntest wirklich etwas dankbarer sein. Ich bin auch müde aber trotzdem will ich noch etwas Zeit mit meiner Freundin verbringen. Ist das so schwer zu verstehen?“ schnaubte er.
“Wir können doch auch an einem anderen Abend essen gehen. Es ist ja nicht so das wir morgen sterben...“
“Das sagst du immer! Immer verschiebst du alles auf ein anderes Datum! Das macht mich so verdammt wütend. Nie hast du Zeit für mich und nie bist du bereit etwas in unsere Beziehung zu investieren.“
“Nun komm aber mal runter.“ erwiderte sie nun ebenso aufgebracht. Warum wurde er immer so wütend wenn sie nicht das machte was er wollte? Ganz am Anfang war er doch noch so nett und charmant gewesen, und jetzt?
„Nein, komm du mal von deinem hohen Ross runter. Warum musst du immer widersprechen? Warum bist du nie einer Meinung mit mir? So langsam verliere ich die Beherrschung mit dir!“ herrschte er sie an und erkannte im gleichen Augenblick das er etwas Falsches getan hatte. Nicht das es nicht seine Meinung war, er konnte sich für jedes seiner Worte verbürgen. Allerdings war es nicht gut wie Mac ihn ansah. Es bedeutete das Ärger auf ihn zukam. Sie enttäuschte ihn nicht. Ihr ganzer Körper stand unter Spannung, die sonst so vollen Lippen zu einer Linie zusammen gepresst und in ihren Augen glitzerte es gefährlich. Der sachlich neutrale Tonfall mit dem sie die nächsten Worte aussprach überraschten ihn, machten Mic jedoch nicht weniger Angst.
“Verschwinde.“
“Wir haben das noch nicht ausdiskutiert...“
“Gute Nacht Commander.“ Ihre Stimme war eiskalt und schneidend.
Er erkannte dass er diese Schlacht verloren hatte, konnte es aber nicht lassen so ganz kampflos den Platz zu verlassen. Mit einer ebenso kalten Stimme die Mac angeschlagen hatte zischte er ihr entgegen.
“Kein Wunder das deine anderen Beziehungen den Bach runter gegangen sind.“
20. Dezember 2000
11.35h
Einkaufszentrum in Washington D.C.
„Oh, bitte, bitte bitte!“ murmelte Bud Roberts während er gleichzeitig mit den Fingern auf den Tresen an der Information der Modeboutique trommelte. Nervös beobachtete er wie die viel zu langen, rot angemalten Fingernägel der älteren Frau mit Namensschildchen in einem Ordner über jeden dort aufgeschriebenen Namen fuhren. Immer wenn sie eine Seite durchsucht hatte schüttelte sie den Kopf, befeuchtete mit ihrer Zunge einen Zeigefinger und blätterte um. Bud versuchte nicht auf diese Szene zu achten, sondern versuchte viel mehr ruhig zu bleiben. Irgendwann würde die Dame seinen Namen schon finden, hoffentlich. Wieder sah er sehr auffällig auf seine Armbanduhr um der Verkäuferin einen Hinweis auf die Dringlichkeit seiner Angelegenheit zu geben, diese ignorierte seine Geste jedoch völlig und schüttelte erneut den Kopf um mit ihrem Finge auf das nächste Papier zu wandern. Nach noch einigen Malen Finger befeuchten und blättern klatschte sie in die Hände und sah ihn über ihrer Brillengläser an.
“Hier haben wir ja ihren Namen. Ein Designerpulli reserviert auf den Namen Bud Roberts. Ist das korrekt?“
“Ja! Ja, ganz genau.“
“Hmm, na gut. Sind sie Bud Roberts?“
“Was? Natürlich bin ich Bud Roberts und ich möchte diesen Pulli abholen.“ erwiderte Bud etwas verdutzt.
“Schön, schön. Haben sie einen Ausweis dabei oder können sie sonst bestätigen das sie wirklich Mr. Roberts sind?“ fragte die Dame mit einer krächzenden Stimme die Bud vollends in den Wahnsinn trieb. Wenn diese Frau sich nicht beeilen würde kam er noch zu spät aus der Mittagspause zurück und Harriet würde vielleicht etwas merken. Das konnte er auf keinen Fall riskieren.
“Hören sie, ich habe wirklich keine Zeit für so etwas. Meine Frau, Harriet Sims-Roberts, hat diesen Pulli auf meinen Namen hier zurücklegen lassen.“
“Tut mir sehr leid aber wir sind eine angesehene Modeboutique und wir wahren und schützen die Rechte unserer Kunden, wir haben einen Ruf zu verlieren. Also kann ich ihnen erst dieses Kleidungsstück geben wenn sie sich ausgewiesen haben. Sonst könnte es ja jeder abholen.“ beendete sie und schlug um ihre Worte zu untermauern den Ordner zu und wollte sich gerade dem Telefon widmen als Bud beschloss das es Zeit war nachzugeben.
“Bitte, wenn sie meinen das das nötig ist.“ damit reichte er seinen Personalausweis über die Theke und beobachtete mit wachsendem Zeitdruck wie die Frau ein Auge zukniff und das Foto mit ihm selbst verglich. Sie schien zu Frieden zu sein denn sie gab ihm den Ausweis zurück und fing dann an etwas in die Computertastatur vor ihr zu hämmern.
“Aha! Da haben wir es ja. Ein Designerpullover von Rudolph Mooshammer in der Farbe Inselblau, zurückgelegt für einen Bud Roberts.“
Mit einem enthusiastischen Nicken bestätigte Bud das ganze und wartete jetzt darauf dass die Frau etwas tat. Sie sah ihn lächelnd an und faltete beide Hände auf dem Holztresen.
“Was ist?“
“ So wie es aussieht kann ich ihnen den Pullover nicht geben.“
“Wieso denn, brauchen sie erst noch meine Geburtsurkunde oder Fingerabdrücke?!“ insgeheim schwor sich Bud seine Frau nie wieder in die Nähe eines solchen Ladens zu lassen.
Die Frau bedachte ihn mit einem schallenden Lachen und fächerte sich mit beiden Händen Wind zu.
“Aber Nein, Mr. Roberts. Es ist nur so das der Pullover bereits verkauft wurde.“
Nun war es an Bud sich Wind zu zufächern und dabei auszusehen als würden ihm die Augen aus dem Gesicht kullern.
“Wieso? Er war doch reserviert!“
“Ja das schon, aber unsere Hausordnung sagt das ein reserviertes Kleidungsstück spätestens einen Monat nach Reservierung abgeholt werden muss, sonst kann es wieder verkauft werden. Ausnahmen werden bei Krankheiten oder sonstigen plötzlichen Geschehnissen gemacht die es unseren Kunden unmöglich machen das Kleidungsstück der Frist entsprechend abzuholen. Vorraussetzung ist allerdings ein Anruf der mindestens eine Woche vor Ablauf der Frist hier eingehen muss. Sie haben nie angerufen Mr. Roberts und die Zeit ist vor zwei Tagen abgelaufen. Also wurde der Pullover heute Morgen an eine reizende alte Dame mit einem Pudel verkauft. Wenn sie das tröstet.“
Nur langsam, ganz langsam wurde sich Bud bewusst das er die Frau mit offenem Mund anstarrte.
Ablauf von Fristen, Vorlage der Personalausweises und Hausordnungen?!
War er hier im falschen Film? Das war doch ein Modelanden und nicht das Einwohnermeldeamt!
Vorsichtig fragte er nochmals nach.
“Der Pullover wurde verkauft?“
“Ja.“
“Haben sie noch so einen oder einen vergleichbaren?“
„Ich fürchte Nein, dieser Pulli war ein limitiertes Designerstück. Der Designer, Mr. Mooshammer selbst, hat diese Modelinie zu der der Pulli gehörte seinem geliebten Hund gewidmet. Dementsprechend waren alle Kleidungsstücke aus dieser Linie am ersten Tag vergriffen.“
“Wo kann ich sonst so einen Pulli herbekommen?“
“Nirgends, denke ich. Wie schon gesagt diese Linie ist sehr beliebt und in Amerika und Europa schon fast ganz ausverkauft. Sie werden wohl bis nächstes Jahr warten müssen, da werden die Stücke noch einmal auf den Markt gebracht.“
Nächstes Jahr, nächstes Jahr? Er konnte nicht bis nächstes Jahr warten. Harriet wollte dieses Ding dieses Jahr unter dem Weihnachtsbaum haben! Das war das größte Desaster in das er sich je gebracht hatte. Eigentlich nur um seine Verzweiflung über die drohende Katastrophe zu verstecken schielte er auf die Uhr und seufzte. Seine Mittagspause war schon seit fünf Minuten zu Ende.
So ein Mist, entweder bringt mich Harriet wegen dem Pulli um, oder der Admiral wegen meiner Verspätung! Die Frage ist nur wer mich zu erst erwischt!
Zur gleichen Zeit in New York...
„Nein tut mir leid. Ich habe nichts gesehen. Ehrlich gesagt habe ich denn Mann noch nicht mal gekannt. Wir haben nur ein paar Worte über den Gartenzaun gewechselt. Er lebte ziemlich zurückgezogen und war auch wie gesagt nur in den Wintermonaten hier.“ erklärte eine ältere Dame und hielt dabei ihre Haustüre nur so weit offen wie es sie Sicherheitskette erlaubte. Scheinbar waren ihr ihre zwei Besucher die sich nach dem armen Mann der ermordet worden war erkundigten nicht ganz geheuer. Schon gar nicht nachdem sie schon alles der Polizei erzählt hatte. Aber der Mann und die Frau trugen Uniformen und hatten ihre Ausweise vorgezeigt. Sonst hätte sie erst gar nicht die Türe geöffnet.
“Trotzdem vielen Dank Mrs. Clark.“ sagte die Frau und konnte nur schwer die Enttäuschung und die Frustration aus ihrem Ton heraushalten. Allerdings versuchte sie ihr bestes, die alte Frau konnte ja nichts dazu dass keiner der Menschen auf der Zeugenliste der Polizei etwas Verwertbares wusste. Seit heute Morgen um 8 Uhr waren sie schon unterwegs und hatten schon mindestens 15 Leute befragt, leider ohne Ergebnis. Mic hatte zu Anfang noch recht motiviert gewirkt, jedoch sah er jetzt fast noch übel gelaunter drein als sie sich fühlte. Mac nahm an das das aber nicht nur mit dem Fall zu tun hatte. Seit ihrem kleinen Wortgefecht gestern Abend hatten sie kein Wort mehr mit einander gesprochen, jedenfalls keines das nicht den Fall anging. Sie konnte nicht behaupten dass ihr das unangenehm war, schon gar nicht nach dem mehr oder weniger großen Zwischenfall der sich in ihrem Hotelzimmer am frühen Morgen zugetragen hatte. Es war kein sehr schöner Moment gewesen, also eigentlich hatte er nett angefangen war aber böse geendet, und jetzt war Mic gekränkt und sie war einerseits von seinem harschen Benehmen verletzt, fragte sich aber auch andererseits ob sie die ganze Misere nicht vielleicht selbst heraufbeschworen hatte. Auf jeden Fall war es ihr seit dem Mics Präsens unangenehm und die Tatsache dass keiner von beiden einen Schritt auf den anderen zu machte entspannte die Situation keinen Falls, machte sie für Mac aber leichter ertragbar.
“Wer als nächstes?“ fragte sie als sich beide von der nun wieder verschlossen und verriegelten Türe der alten Dame abwandten. Mic vermied es sie anzusehen und kramte stattdessen, die mittlerweile schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogene, Zeugenliste aus seiner inneren Jackentasche.
“Tja das war’s. Keiner mehr übrig.“ sagte er und stopfte das Papier in seinen angestammten Platz zurück.
“Was? Das waren alle?“
“Ja.“
“Und was machen wir jetzt?“ fragte sie in die Runde und folgte Mic auf dem kleinen Weg der sich quer durch den Vorgarten der Frau zog zu ihrem Auto.
„Woher soll ich denn das wissen, immerhin sind sie ja der leitende Offizier, MA’AM!“ Gerne hätte er eine Reaktion aus ihr heraus gelockt aber alles was er bekam war nur ein gleichgültiger Seitenblick.
So war das also, war er ihr inzwischen schon so egal das sie sich noch nicht ein Mal über ihn ärgern konnte? Kannte Sarah ihn so schlecht dass sie nicht erkannte das er nur versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen? Schon seit Wochen schien ihr alles wichtiger zu sein außer er und mit ihrer Aktion, beziehungsweise fehlenden Aktion hatte sie den Eisberg nun völlig gerammt. Aber bitte, wenn sie es so haben wollte konnte sie es so haben. Er, Mic Brumby, würde nicht der erste sein der um Verzeihung bat, schlicht und ergreifend aus dem einen Grund, er hatte nichts verbrochen. Commander Brumby fiel es jetzt schon fiel leichter einen ebenfalls gleichgültig wirkenden Gesichtsausdruck auf zusetzten und seinen Schritt von „stapfend“ in „schlendern“ zu ändern bevor er abrupt stehen blieb und die Hände zu Fäusten ballte. Er stand jetzt nur ein paar Meter von ihrem Dienstwagen entfernt und richtete sich zu voller Größe auf. Direkt vor ihm, besser gesagt zwischen ihm und dem Auto war ein etwas suspekt wirkender Mann. Der Kerl sah aus wie ein Penner, und roch auch so, soviel konnte Mic schon aus dieser Entfernung sagen. Der ungebetene Gast war gerade dabei mit einem zerzausten Abzieher die Frontscheibe des Autos mit JAG- Emblem zu reinigen. Mic räusperte sich geräuschvoll, doch der Penner schien sich nicht für den Offizier zu interessieren. Er förderte jetzt einen alten Lappen zu tage, spukte auf ihn und versuchte dann damit die Motorhaube zu wachsen.
Mac versuchte gerade noch ihren Partner am Ärmel fest zuhalten, doch dieser war schon auf den Fremden zu gestürmt, hatte ihn am Kragen gepackt und schien zu versuchen den Mann auf den Kopf zu stellen. Bevor jedoch das geschah griff sie ein indem sie Mic an der Krawatte packte und langsam von dem armen Kerl fort zog. Zugegeben, es war schon kein schöner Anblick zu sehen wie so ein dreckiger Fremder versuchte das Auto mit Spucke zu reinigen, allerdings war diese Reaktion äußerst falsch gewesen. Oft wurden solche Leute nur aggressiv oder waren so heruntergekommen und schwach das man sie mit einem einfachen Griff am Kragen schon sehr schwer verletzten konnte. Beides würde für den Fall nicht sehr hilfsreich sein.
“Hey Alter, was soll n das? Was packst du mich hier an? Bin doch bloß n armer alter Penner der versucht n paar leichte Dollars zu machen!“ meldete sich auch noch zu allem Überfluss der nette Herr mit versiffter Fellmütze wieder zu Wort.
“Aber nicht in dem sie zwei Offiziere der Navy und der Marines belästigen!“ gab Mic zurück und schien sich wieder unter Kontrolle zu haben. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen einen bedrohlichen Schritt auf den nun am Wagen lehnenden Penner zuzugehen.
“Belästigen? Mann, ich hab bloß die Scheiben gewischt, sonst nichts. Wenn du das belästigen nennst dann bist du dümmer als du aussiehst.“
Oh, Oh! war alles was Mac dachte und ehe sie sich versah machte Mic einen Satz auf den Kerl zu. Doch sein Griff ging ins Leere und überraschender Weise war das potentielle Opfer schnell genug gewesen um sich hinter dem Auto in Sicherheit zu bringen. Der erneute Versucht von Mic schien ihn aber zur Vernunft gebracht zu haben denn er hob die Hände verteidigend über seinen Kopf und quiekte: „Ich bin ein Mensch! Ich habe das Recht auf körperliche Unversehrtheit!“
“Ach jaaaa?“ knurrte Mic.
“Ja, so stehst im Grundgesetzt...“
“Ich bin Anwalt, ich kenne jedes Gesetzt, belehr mich nicht du...“
“Dann seit ihr die zwei vom Militär die wegen dem Typ hier aus der Straße gekommen sind?“ fragte der Mann und hatte plötzlich ein Grinsen auf dem Gesicht das Mic ganz und gar nicht zusagte. Nun stieg Mac mit in das Geschehen ein und stellte sich zwischen Mic, Auto und Penner. Sie hatte das Gefühl das dieser „Scheibenwischer“ vielleicht etwas wissen konnte. Jedenfalls konnte es nicht schaden zu fragen, momentan traten sie ja so wie so auf einer Stelle.
„Ja das sind wir. Ich bin Colonel MacKenzie und das hier ist mein Kollege Lt. Commander Brumby.“
“Brumby? Eh...hört sich an als käm’ste aus Down Under? Das Temperament hast de dir wohl von seinem Känguru abgekuckt, was?“
Bevor Mic auch nur daran denken konnte etwas zu tun hatte Sarah schon wieder die Kontrolle über die Situation. Manchmal war sie wirklich unglaublich...seine Sarah...
„Wir untersuchen den Mord an Ed Marion, wissen sie etwas darüber?“
“Wäre schon möglich...“ antwortete der Mann und begann in der einen Hand den Lappen zu kneten während der mit der anderen eine Geste zeigte die klar aussagte das er für sein Wissen bares sehen wollte. Doch widerwillig griff Mac in ihre Tasche und zog ihre Geldbörse hervor...was tat man nicht alles für ein paar Brotkrümel?
Sie hielt dem Obdachlosen eine Hundert Dollar Note entgegen und achtete darauf dass er nicht in ihren Geldbeutel sehen konnte, es bestand kein Grund darin ihn wissen zu lassen das dort noch zweihundert Dollar ruhten. Mit einem ausladenden Knicks verbeugte sich der Obdachlose und schnupperte an dem Schein, dann ließ er ihn eines zu unzählbar vielen Löcher in seinem Mantel gleiten.
„Also gut, aber nur weil se so lieb gefragt haben... Im Winter treib ich mich hier öfters rum, um die Ecke gibt’s ne Imbissbude die öfter mal von den Resten raus springen lässt wenn ich dafür sorg dass sich keiner der anderen Penner da sehen lässt. Auf jeden Fall war ich deswegen vor ein oder zwei Wochen in der Gegend und wollte mir gerade ne gemütliche Bank suchen als ich zwei Leute streiten gehört hab. Ich dachte mir, hey, vielleicht gibt’s ja ne satte Schlägerei und im Geragell fällt jemandem was brauchbares aus der Tasche, da hab ich mir gesagt, Joe, sieh mal besser nach was da los ist. Ich geh da also hin, versteck mich hinter nem Busch und belausch die. Ich hab nur nen Teil gehört weil mir das dann zu langweilig wurde, auf jeden Fall stand der eine ganz still da und der andere hat gebrüllt und wie wild mit den Händen gefuchtelt. Der irgendwas geschrieen von Wegen: Er solle keine voreiligen Schritte machen und nicht vergessen das er in der Sache in Georgia genau so tief in der Scheiße stecken würde... Mehr weis ich nicht.“
Mac wusste zwar nicht was sie davon halten sollte und was ihr diese Information helfen sollte, aber trotzdem hatte sie sich Notizen gemacht während Mic einfach nur da stand und den Mann abschätzend musterte.
“Woher wissen sie das einer der Beteiligten Mr. Marion war?“ wollte Mac wissen. Der Fremde hatte zwar eine interessante Aussage gemacht, allerdings war es fragwürdig diese zu verfolgen wenn er in der Tat nur einen Streit zwischen irgendwelchen zwei Männern aufgeschnappt hatte.
„Ganz einfach, der ruhige Kerl hat immer Pizzas bestellt und einmal hab ich dem Boten, als der geklingelt hat, die Pizza aus der Hand gerissen und gemacht dass ich weg kam. Auf der Schachtel hat jemand ne Nummer und den Namen: Ed Marion samt Adresse gekritzelt.“
Naja, das war vielleicht nicht der beste Einstieg für eine so wichtige Ermittlung, aber besser als gar nichts. Es würde sie keine Mühe kosten einmal in den Akten nach einem Zusammenhang zwischen Ed Marion und Georiga zu suche. Vielleicht war er ja dort stationiert gewesen und es hatte sich etwas ereignet was mit seinem Tod zu tun hatte.
„Vielen Dank Mr...?“
“Ach, nennen se mich Joe. Meine Freunde nennen mich alle Drei-Finger-Joe.“ bot er an.
“Wieso?“
Joe lachte herzlich und hob die Hand die bisher größten Teils von dem Lappen bedeckt war an und entblößte drei lange Finger und zwei Stummel.
“Na weil ich nur drei Finger hab!“
Mac wich etwas erschrocken zurück und zwang sich nicht auf die zwei blau befärbten Überreste zweier Finger zu starren. Als sie es ihrem Magen wieder zu trauen konnte den Obdachlosen anzusehen war dieser verschwunden. Sie sah zu Mic hoch, sein Gesicht war ausdruckslos, man konnte nur erkennen dass er sich über etwas ärgerte.
Na und wenn schon, dachte sie sich. Wenn ich mir jedes Mal den Kopf zerbrechen würde wenn er so drein schaut hätte ich schon längst einen Riss im Schädel. Jetzt geht es erst mal darum herauszufinden was wir von dieser Aussage verwerten können. Mit Mic kann ich mich genauso gut auch später noch streiten...







